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Verleihung des Franz-Emanuel-Weinert-Preises 2015

Einleitung

Auf der Diplom- und Masterfeier am 4.12.2015 wurde zum 15. Mal der Franz-Emanuel-Weinert-Preis für herausragende Diplom- und Masterarbeiten vergeben.

Die Laudatio auf die Arbeit hielt Prof. Dr. Dirk Hagemann im Namen des Auswahlkomitees, dem noch Prof. Dr. Oliver Schilling und Dr. Christine Sattler angehörten.

Laudatio

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

am Heidelberger Psychologischen Institut besteht der schöne Brauch, alljährlich die beste Masterarbeit eines Jahrgangs mit einem Preis auszuzeichnen. Dieser Preis ist benannt nach Franz Emanuel Weinert, der von 1968 bis 1981 hier am Psychologischen Institut Ordinarius für Entwicklungspsychologie und Pädagogischer Psychologie gewesen ist.

Die Auswahlkommission sucht für diesen Preis Masterarbeiten, die durch ihre theoretische und methodische Stringenz überzeugen und die ein substantielles Forschungsergebnis beschreiben. Dieser Kommission gehörten in diesem Jahr meine Kollegen Christine Sattler und Oliver Schilling an, ich selber habe den Vorsitz geführt. Fünf Arbeiten wurden in diesem Jahr nominiert. Darunter befanden sich Arbeiten, die wirklich hervorragend waren, so dass die Kommission dieses Jahr eine schwierige Aufgabe hatte. Schließlich konnte die Kommission sich auf eine Arbeit verständigen, die den Kriterien einer preiswürdigen Arbeit im besonderen Maße entsprochen hat. Ich darf an dieser Stelle das Kommissionsmitglied Oliver Schilling zitieren, der sein Gutachten zu dieser Arbeit mit den Worten begonnen hat: „Diese Arbeit meandert zwischen Genie und Wahnsinn.“

Mit dem diesjährigen Weinert-Preis wird die Masterarbeit mit folgendem Titel ausgezeichnet: „The Worst Performance Rule—Model Development and Explications“. Der Autor dieser Arbeit heißt Gidon Frischkorn. Gidon, herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis!

Wie der Titel der Arbeit bereits aussagt, untersucht die Arbeit die sog. Worst Performance Rule. Dieser Begriff kommt aus der Intelligenzforschung und bezeichnet ein merkwürdiges Phänomen. Es ist seit langem bekannt, dass die durchschnittlichen Reaktionszeiten in einfachen Reaktionsexperimenten mit der allgemeinen Intelligenz in einem Zusammenhang stehen dergestalt, dass intelligentere Personen auch schneller reagieren. In solchen Reaktionsexperimenten werden typischerweise viele einzelne Versuchsdurchgänge durchgeführt. Beispielsweise werden der Versuchsperson auf einem Computerbildschirm 4 Zahlen gezeigt, die sie sich merken soll. Anschließend wird eine Zahl gezeigt und die Versuchsperson muss so schnell wie möglich entscheiden, ob diese Zahl bereits zuvor gezeigt wurde oder nicht. Von solchen Versuchsdurchgängen werden vielleicht 100 gemacht und für jede Versuchsperson ihre mittlere Reaktionszeit bestimmt. Diese wird dann mit dem Ergebnis eines Intelligenztests korreliert und der typische Befund ist, dass die intelligenteren Personen auch die schnelleren Reaktionen aufweisen.

Hier kommt nun die Worst Performance Rule ins Spiel. Natürlich reagiert eine Person nicht immer gleich schnell, sondern bei jeder Person gibt es Versuchsdurchgänge, in denen sie schneller reagiert und solche, in denen sie langsamer ist. Werden die Versuchsdurchgänge jeder Versuchspersonen in langsame und in schnelle aufgeteilt und wird die mittlere Reaktionszeit dann separat für die langsamen und die schnellen Versuchsdurchgänge berechnet, so zeigt sich etwas höchst kurioses: Die Reaktionszeiten in den langsamsten Versuchsdurchgängen zeigen den höchsten Zusammenhang mit Intelligenz und die Reaktionszeiten in den schnellsten Versuchsdurchgängen zeigen den niedrigsten Zusammenhang mit Intelligenz. Dieses Phänomen ist die Worst Performance Rule.

Bislang wurde in der Forschung diese Regel dadurch belegt, dass sich rein deskriptiv die Korrelationen zwischen den schnellen und langsamen Versuchsdurchgängen unterscheiden. Dabei wird die Stärke dieses Effektes typischerweise nicht quantifiziert und dieser Effekt wird typischerweise auch nicht statistisch getestet—denn es war unklar, wie eine solche Quantifizierung und Testung überhaupt aussehen könnte.—Hier kommt nun Gidon Grischkorn und seine Masterarbeit ins Spiel. Er hat erkannt, dass dieses Problem als ein statistisches Moderatorproblem aufgefasst werden kann, das wiederum durch hierarchische Regressionsanalysen lösbar ist. Diese Regressionsanalysen hat er in einem sog. Hierarchischen Linearen Modell implementiert, mit dem der Effekt nun höchst elegante Weise quantifiziert und getestet werden kann. Dass dieses Modell tatsächlich hält, was es verspricht, das konnte er schließlich anhand von empirischen Daten und anhand von Simulationen belegen.

Mit seiner Masterarbeit hat Herr Frischkorn den Weg geebnet, in zukünftigen Untersuchungen der Worst Performance Rule die Mechanismen zu beforschen, die zu dem schon oft beobachteten und so wenig verstandenen Zusammenhang zwischen Reaktionszeiten und Intelligenz führen. Die Weinertkommission war dabei besonders von dem hohen Innovationsgrad der Arbeit beeindruckt, als auch von ihrem sehr hohen methodischen Niveau. Diese beiden Merkmale der eingereichten Arbeit haben die Kommission letztendlich überzeugt.

Lieber Gidon, ich übergebe dir Urkunde.


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