(6) Gesamtmodell zur Rezeption argumentativer Unintegrität

Zur Komplettierung der bislang erzielten Befunde zur Rezeption argumentativer Unintegrität (vgl. Punkte 2 und 5) werden derzeit (1995/96) 4 weitere Studien durchgeführt:
In zwei Untersuchungen über den Einfluß von interaktiven und individuellen (personenbezogenen) Faktoren auf die Unintegritätsdiagnose werden nach einer ersten Beurteilung von Argumentationsepisoden entsprechende Zusatzinformationen dargeboten und hinsichtlich ihrer Auswirkung auf die Unintegritätsbewertung untersucht. Folgende Variablenklassen sind dabei thematisch: Eintreten intendierter negativer Effekte vs kein Eintreten dieser Effekte; hohe vs geringe Häufigkeit unintegren Argumentierens; Korrektur der unintegren Äußerung vs keine Korrektur; hohe vs niedrige emotionale Belastung; hohe vs niedrige intellektuelle Fähigkeiten und argumentative Kompetenz; weiterreichende gute vs schlechte Absichten des/der unintegren Sprechers/in. Mitberücksichtigt (und statistisch kontrolliert) werden dabei auch die (passiven argumentativ-rhetorischen, s.u.) Kompetenzen der urteilenden Person sowie ihre übergreifenden ethikbezogenen Einstellungen (Sladek 1995).
Gegenstand der dritten aktuellen Untersuchung ist die Konstruktion und Validierung eines Erhebungsinstruments zur Erfassung der (passiven) argumentativ-rhetorischen Kompetenz; hierunter wird die Fähigkeit zur angemessenen Einschätzung übergreifender Argumentationsmerkmale und insbesondere zur Analyse und Kritik von argumentativ-rhetorischen Charakteristika und Strukturen verstanden. Zur Erhebung dieser Kompetenz wurden Argumentationsszenarien mit folgenden Aufgaben vorgegeben: Identifikation und Benennung argumentativer Auffälligkeiten, Identifikation und Benennung rhetorischer Besonderheiten, Einschätzung der Konfrontativität der Argumentationsteilnehmer/innen, Bewertung der Überzeugungskraft von Argumenten, Feststellung der unstrittigen bzw. strittigen Positionen und Argumente.
Ziel der vierten aktuellen Studie ist die Klärung der Beziehungen zwischen sprachlicher (argumentativer) Ästhetik und (Un-)Integrität hinsichtlich kognitiver, emotionaler und konativer Wirkungen von argumentativen Äußerungen. Ausgehend von der Hypothese, daß argumentative Äußerungen selbst in einer ansprechenden (ästhetischen) Form nur dann optimale Wirkungen entfalten, wenn sie gleichzeitig integer sind, leistet diese Untersuchung einen Beitrag zur diskriminanten Validierung der Konstrukte "Integrität" und "Ästhetik". Zu diesem Zweck wurden Argumentationsepisoden konstruiert, die hinsichtlich der Integrität und der Ästhetizität der argumentativen Äußerungen variieren. Die Konzeptualisierung der Ästhetizität der argumentativen Äußerungen erfolgte auf der Grundlage eines semiotischen Abweichungsmodells, das es erlaubt, rhetorische Stilfiguren als syntaktische, semantische oder pragmatische Abweichungen zu klassifizieren und die ästhetische Wirkung der Äußerungen als Funktion dieser semiotischer Abweichungen empirisch zu testen.

Als unmittelbar nächster Schritt sind nun Hypothesen über die Dependenzen und Interdependenzen der einzelnen Konstrukte in einem Gesamtmodell zu formulieren; unter "Konstrukt" verstehen wir in diesem Kontext alle personalen, situativen und sprachlich-argumentativen Merkmale, für die lineare Beziehungen mit beobachtbaren Indikatoren bzw. mit anderen Konstrukten angenommen werden können. Die Prüfung dieser hypothetisch angenommenen (Inter-)Dependenzen aufgrund der Varianz- bzw. Kovarianzstrukturen der beobachtbaren Indikatoren soll im Rahmen einer statistischen Modellierung linearer Strukturen erfolgen. Die in bisherigen Partialmodellierungen relevanten Konstrukte werden im Gesamtmodell der Terminologie des LISREL-Ansatzes entsprechend als exogene und endogene Konstrukte konzipiert. Als exogene Konstrukte (bzw. latente Variablen) kommen in erster Linie die passive argumentativ-rhetorische Kompetenz, die Merkmalsdimensionen des Konstrukts, die Ästhetizität der argumentativen Äußerungen und multivariat zu erfassende Situations- bzw. Interaktionscharakteristika in Betracht. Die Kausalbeziehungen dieser latenten Variablen hinsichtlich der endogenen Konstrukte der kognitiven, emotionalen und konativen Rezeptions- und Bewertungskomponenten werden im nächsten Schritt als Strukturmodell spezifiziert. Da im Rahmen der sowohl theorie- wie empiriegeleiteten Vorarbeiten die Operationalisierungen der entsprechenden hypothetischen Konstrukte in diversen Faktorenanalysen gesichert bzw. modifiziert werden konnten, ist es nun möglich, theoretisch und empirisch begründetete und relativ präzise Zusammenhänge zwischen den Konstrukten und den beobachtbaren Indikatoren anzugeben und als jeweilige Meßmodelle zu spezifizieren. Aufgrund dieser theorie- und empiriegeleiteten Modellspezifikationen soll ein Gesamtmodell für die Rezeption argumentativer Unintegrität erstellt und empirisch geprüft werden.


Examensarbeiten

Sladek, U. 1995: Zur moralischen Bewertung von Argumentation: der Einfluß situativer und personaler Faktoren auf den Bewertungsprozeß. Unveröffentlichte Diplomarbeit am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg