(4) Subjektive Theorien über Argumentationsintegrität

Bei der Erhebung Subjektiver Theorien über Argumentationsintegrität standen zwei Ziele im Vordergrund: zum einen im Sinne einer idiographischen Validierung weitere Hinweise zur psychischen Realgeltung des Konstrukts zu erhalten, zum anderen die Handlungsleitung der erhobenen Subjektiven Theorien in Alltagssituationen zu überprüfen. Zur Realisierung der ersten Zielsetzung wurden 20 Subjektive Theorien von Laien und Juristen/innen über Argumentieren und (un-)integres Argumentieren erhoben (Christmann & Groeben 1991). Die Erhebung wurde mittels der Dialog-Konsens-Methodik durchgeführt, die eine jeweils getrennte Erhebung von Theorie-Inhalten und Theorie-Struktur vorsieht. Zur Rekonstruktion der Theorie-Inhalte wurde ein halbstandardisierter Interview-Leitfaden erarbeitet, der den Definitionsbereich 'Argumentieren' sowie Bedingungen, Merkmale und Folgen des (un-)integren Argumentierens abdeckte. Die Rekonstruktion der Theoriestruktur erfolgte dann auf der Grundlage der konsensual ermittelten zentralen Konzepte des Interviews sowie mit Hilfe eines alltagssprachlich adaptiereten Struktur-Lege-Verfahrens (Scheele, Groeben & Christmann 1992). Dieses Struktur-Lege-Verfahren erlaubt eine Strukturrekonstruktion mittels eines Pools von wissenschaftsanalogen Relationen, die in die Alltagssprache übersetzt wurden. Die Auswertung erfolgte auf der Grundlage der dialog-konsensual ermittelten Strukturbilder, wobei sowohl auf quantitativ-inhaltsanalytische als auch qualitativ-heuristische Verfahren zurückgegriffen wurde (Christmann & Scheele 1995).
Als wichtigstes Ergebnis dieses Auswertungsschritts läßt sich festhalten, daß jeweils Teilmengen des Konstrukts der Argumentationsintegrität im Alltagsdenken als subjektive Wertkonzepte repräsentiert sind. Teilmengen, weil zum einen nicht alle objektiv-theoretischen Differenzierungen des Konstrukts (Definitionsmerkmale von Argumentieren, Argumentationsbedingungen, Merkmale und Standards des unintegren Argumentierens) abgebildet werden und weil zum anderen auch individuell unterschiedliche Bedeutungsaspekte akzentuiert werden. Dies trifft insbesondere für die Integritätsstandards zu. Gleichwohl zeigen die Daten jedoch auch sehr deutlich, daß die Teilmengen eine überindividuelle Bewertungsdimension enthalten, die auf einer präskriptiven Vorstellung von Argumentieren beruht und zu einer negativen Bewertung unredlichen Argumentierens führt. Entscheidend für die psychische Realgeltung ist, daß im Sinne einer "Parallelwertung in der Laiensphäre" eine Bedeutungskenntnis von Argumentationsintegrität als Wertkonzept vorliegt (Groeben 1994).

Zur Überprüfung der Handlungsleitung von subjektiv theoretischen Vorstellungen über Argumentationsintegrität (zweite Zielsetzung) wurden 28 Subjektive Theorien von Heidelberger Kommunalpolitikern/innen erhoben (Christmann & Groeben 1993b). Die Untersuchung erfolgte in zwei separaten Phasen: (1) Rekonstruktion Subjektiver Theorien gemäß der Dialog-Konsens-Methodik; (2) Überprüfung der Handlungsleitung anhand eines experimentell induzierten dialogischen Streitgesprächs. Die Überprüfung der Handlungsleitung erfolgte mittels Retrognosen; entsprechend wurde Phase 2 zeitlich vor Phase 1 durchgeführt. Geprüft wurde, ob und in welchem Ausmaß das aus den Subjektiven Theorien retrognostizierbare Handeln mit den Sprechhandlungen in der Prüfsituation übereinstimmt. Die Prüfsituation (Streitgespräch zur Frage der Änderung des Asylrechts) war so konzeptualisiert, daß sie sowohl eigenes Argumentieren zuließ als auch den Umgang mit unredlichem Argumentieren abbildete. Die Aufbereitung der Daten für den Vergleich wurde mit Hilfe eines inhaltsanalytischen Kategoriensystems vorgenommen (Christmann & Groeben 1993a), das sowohl auf die erhobenen Subjektiven Theorien als auch auf die Sprechhandlungen in der Prüfsituation anwendbar war.
Die Auswertung erfolgte intra- wie interindividuell, und zwar zum einen für den Bereich des eigenen Argumentierens, zum anderen für die Reaktionen auf unredliches Argumentieren. Die Ergebnisse für den Bereich des eigenen Argumentierens zeigen, daß die Handlungsleitung für die erhobenen Subjektiven Theorien sehr unterschiedlich ist; es gibt sowohl Vptn mit positiver als auch solche mit fehlender Handlungsleitung. Unter interindividueller Perspektive ist die Handlungsleitung tendenziell gegeben. Dabei konnte durch Aufsplittung der Gesamtstichprobe in Gemeinderäte/innen mit und ohne Abitur das Problem der fehlenden Handlungsleitung präzisiert werden. Bei Personen ohne Abitur zeigte sich eine besonders starke (überzufällige) Handlungsleitung bei dem Definitionsmerkmal der 'partner- und zuhörerbezogenen Auseinandersetzung', während Gemeinderäte/innen mit Abitur gerade bei diesem Merkmal sowie bei dem Merkmal 'begründete Antwort' eine fehlende Handlungsleitung aufweisen. Für den Bereich der Reaktionen auf unredliches Argumentieren konnte über alle Standards hinweg keine einheitliche Handlungsleitung gesichert werden; vielmehr ergab sich eine unterschiedliche Handlungsleitung bei je unterschiedlichen Standards. Die Ergebnisse verdeutlichen zum einen Problempunkte der individuellen Handlungsleitung, die im Rahmen von Sensibilitätstrainings genutzt werden können. Sie zeigen zum anderen, daß die spezifische Problematik der Handlungsleitung bei Politikern/innen (z.B. durch den Vergleich mit anderen Berufsgruppen) näher herauszuarbeiten ist.

Zusätzlich zu den angeführten beiden Studien wurde (unter primär heuristischer Perspektive) eine dritte Erhebung Subjektiver Theorien zur Diagnose und Thematisierung von Unintegritäten im Argumentationsverlauf vorgenommen (Christmann, Groeben & Küppers 1993). Dabei haben wir zwei polare Thematisierungstypen, die sich schlagwortartig als 'Sofort-Aufklärung' und 'abwartendes Prüfen' bezeichnen lassen, von 33 Vptn mittels einer Ökonomie-Version der Dialog-Konsens-Methodik ausdifferenzieren lassen. Den Vptn wurden fiktive Interviews und dazu gehörende Theorie-Strukturen vorgegeben, die im Selbststudium gemäß den eigenen Überzeugungen zu verändern waren. Für die Durchführung dieser Veränderungen wurde ein alltagssprachlich adaptiertes Struktur-Lege-Verfahren verwendet. Eine Analyse der subjektiven Strukturbilder zeigt, daß sich die Unterscheidung zwischen den beiden Thematisierungstypen sowohl unter quantitativer als auch qualitativer Perspektive aufrecht erhalten ließ. Die weitere Auswertung bestand in einer Zusammenfassung der subjektiven Strukturbilder zu Modalstrukturen, die es erlauben, eine Reihe von differentiellen Hypothesen zum Erkennen und Ansprechen von Unintegritäten aufzustellen. Diese Hypothesen werden in Zukunft empirisch zu überprüfen sein.


Publikationen

Christmann, U. & Scheele, B. 1995: Subjektive Theorien über (un-)redliches Argumentieren. In: König, E. & Zedler, P. (eds.), Bilanz qualitativer Forschung. Weinheim, 63-99.

Groeben, N. 1994: Argumentationsintegrität. Psychologisches Wertkonzept - pädagogische Zielperspektive. Carolo-Wilhelmina, Mitteilungen der TU Braunschweig, XXIX, I, 37-44.

Scheele, B., Groeben, N. & Christmann, U. 1992: Ein alltagssprachliches Struktur-Lege-Spiel als Flexibilisierungsversion der Dialog-Konsens-Hermeneutik. In: Scheele, B. (ed.), Struktur-Lege-Verfahren als Dialog-Konsens-Methodik. Münster: Aschendorff, 152-195.


Berichte des SFB 245

Christmann, U. & Groeben, N. 1991: Argumentationsintegrität (VI): Subjektive Theorien über Argumentieren und Argumentationsintegrität - Erhebungsverfahren, inhaltsanalytische und heuristische Ergebnisse. Bericht Nr. 34. (190 S.).

Christmann, U. & Groeben, N. 1993a: Argumentationsintegrität (X): Realisierung argumentativer Redlichkeit und Reaktionen auf Unredlichkeit - Ableitung und erste Anwendung eines inhaltsanalytischen Kategoriensystems. Bericht Nr. 63. (49 S.).

Christmann, U. & Groeben, N. 1993b: Argumentationsintegrität (XI): Retrognostische Überprüfung der Handlungsleitung Subjektiver Theorien über Argumentations(unĪ)integrität von Kommunalpolitikern/innen. Bericht Nr. 64. (147 S.).

Christmann, U., Groeben, N. & Küppers, A. 1993: Argumentationsintegrität (XIII): Subjektive Theorien über Erkennen und Ansprechen von Unintegritäten im Argumentationsverlauf. Bericht Nr. 66. (177 S.).