PD Dr. Sabine C. Koch, Universität Heidelberg  |    Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg   |   Prof.Dr.Cornelia Müller, Universität Viadrina, Frankfurt/Oder

 

Körpersprache von Tanz und Bewegung

Bedeutungsemergenz, Versprachlichung und therapeutische Nutzung

BMBF-Förderrichtlinie "Übersetzungsfunktion der Geisteswissenschaften"

 

Projektabschlusstagung
17. Herbstakademie

01.-03.10.2012

 

 

 

 

 

 

 

Problemstellung

Forschungshintergrund

Nach Stern ist das Körperwissen die Grundlage der Sprache (“body knowledge is the basis on which language can rest,” Stern 2007, p. 4), und damit auch die Basis, auf der Konzepterwerb und Kognition aufbauen. Embodied Cognition nennt sich das For­schungs­feld, das die Zusammenhänge zwischen Motorik und Emotion (Nieden­thal, 2007), Motorik und Kognition (Barsalou, 2007), Verkörperung und Situation (Clark, 1999), Verkörperung, Metaphern und Sprache (Lakoff & Johnson, 1999) sowie neuralen Vorgängen (Gallese & Lakoff, 2005) untersucht. In Abgrenzung zu den klassischen amodalen Theorien der Kognition stellen Embodiment-Ansätze die sensomotorische Basis und die ökologische und organismische Bedingtheit von Kognition und Bewusstsein in den Vordergrund. Sie bauen zum einen auf der Leibphänomenologie Maurice Merleau Pontys (1965) auf und haben zum anderen ihre Wurzeln in den Ideen der amerikanischen Pragmatisten John Dewey und William James (vgl. Johnson & Rohrer, 2006).


Embodiment-Ansätze haben sich auf Grundlage der neurowissenschaftlichen Erkenntnis in den letzten Jahren rapide entwickelt. Allerdings haben sie bislang nur ansatzweise die Rolle und Bedeutung von Bewegung in den Blick genommen und den Aspekt des Leibgedächtnisses weitgehend außer Acht gelassen. Die Weiterentwicklung dieser Ansätze ist ein wichtiges Forschungsdesiderat.


In der Linguistik vertreten, in Abgrenzung zu den amodalen Theorien über Syntax (z.B. Chomsky, 1957), George Lakoff und Mark Johnson (1980, 1999; Johnson 1987) den Standpunkt, dass abstrakte Konzepte auf metaphorische Weise im verkörperten und situierten Wissen verankert sind. Linguistische Belege über viele Sprachen hinweg zeigen, dass Menschen weltweit über abstrakte Konzepte sprechen, indem sie konkrete, auf leiblicher Erfahrung beruhende Metaphern benutzen (z.B. Cienki & Müller, in press; Müller, in press). Immer mehr Belege weisen darauf hin, dass diese Metaphern eine zentrale Rolle für unser Denken spielen (z.B. Boroditsky & Ramscar, 2002; Gibbs, 1994, 2006, Müller 2007). Metaphern sind nicht nur eine rhetorische Figur, sie durchdringen die Alltagssprache und bilden einen wesentlichen Mechanismus zur sprachlichen Fassung neuer 'unausgeprochener' Sachverhalte. Im Rahmen von Prozessen des Sprachwandels bilden sich kollektive Metaphorisierungen von Lebensbereichen heraus, die die kollektive und die individuelle Wahrnehmung leiten. Im Kontext aktueller Sprechereignisse dienen neue und eingebürgerte Metaphern der dynamischen Konzeptualsierung von Erfahrungen (Müller, in press; 2007). Wenn wir eine neue Metapher für unsere Situation und Lebenszusammenhänge finden, so verdichtet sich darin ein für uns zentrales Thema, welche durch die Formgebung durch die Metapher auch bewegt und in verschiedene Richtungen entwickelt werden kann. Im therapeutischen Prozess gewinnt diese Möglichkeit der Entwicklung einer zentralen Metapher besondere Bedeutung: sie kann heilend wirksam werden bei der Auflösung gesundheitsbedrohlichen Stillstandes und der Eröffnung von Veränderungsmöglichkeiten. Der Prozess der Emergenz von Metaphern lässt sich exemplarisch in der tanz- und bewegungstherapeutischen Arbeit beobachten. Der Patient hat dabei kein anderes Material als nur seinen Körper zur Verfügung. Aus der Bewegung als Ausdruckselement wird hier – vor dem Hintergrund des im Körper gespeicherten Wissens und der eigenen Historie (Leibgedächtnis) – eine Bedeutungsgebung so lange umkreist, bis sie für den Patienten stimmig ist und passt, d.h. zugleich, bis der zentrale Konflikt, das zentrale Lebensthema, die zentralen Lösungsmöglichkeiten in der Körpersprache erkennbar werden und schließlich verbale Elemente und nonverbale Elemente in Einklang gebracht werden können. Über das ästhetische Element wird der Aspekt einer zentralen Ideengebung und damit die Rolle der Kognition in diesem Prozess von Anfang an einbezogen.


Da viele der Verknüpfungen zwischen Motorik und Semantik, auf die spätere sprachliche Prozesse aufbauen, bereits in den ersten drei Lebensjahren (in der ständigen Interkorrelation der sensorischen Sinneskanäle) erworben werden, besteht das Problem, dass diese uns unzugänglich, da weitgehend unbewusst, sind. So wird das „Languaging of Movement“ („Versprachlichung der Bewegung“, Sheets-Johnstone, 2007; 1999; 2008) zu etwas, das wir aktiv vornehmen müssen. Aus dem Tanz kommen Ansätze, die ein solches Languaging of Movement und eine Rückführung der Bewegungsvielfalt auf basale Dimensionen zum Ziel haben. Aus dem Bedarf, Notationssysteme – ähnlich einer Notenschrift in der Musik – auch für den tänzerischen Bereich zu entwickeln, entstand das Forschungsfeld der Bewegunganalyse (z.B. Laban, 1960; Lamb, 1965), das eine differenzierte Aufschlüsselung und Systematisierung bewegungsbezogner Grundbegriffe vornimmt. Instrumente der Bewegungsanalyse wurden in einem zweiten Schritt auf psychologische und psychodynamische Theorien und Interpretationen bezogen (Kestenberg & Sossin, 1979; Kestenberg, 1995), sodass von dieser Seite ein differenziertes Theoriesystem vorliegt, das Bewegung mit psychologischer Bedeutung verknüpft. Dieses soll für das beantragte Forschungsprojekt nutzbar gemacht werden. In der Praxis finden Bewegungsnotationssysteme Anwendung im Kontext der Tanz- und Bewegungstherapie. In diesem klinischen Praxisfeld werden sie vielfach zur Diagnose und Interventionsplanung bei Patienten mit Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, bei Schmerzpatienten, in der Psychoonkologie, bei Störungen des Kinder- und Jugendalters und bei alten Menschen eingesetzt, d.h. im psychiatrischen, psychosomatischen aber auch klassisch medizinischem Arbeitsfeld. Für den klinischen Praktiker der Bewegungstherapie besteht dabei vielfach das Problem der Kommunikabilität dieses Spezialwissens und der fehlenden Übersetzungsmöglichkeiten der nichtsprachlichen therapeutischen Prozesse.

 

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Letzte Änderung 08.06.11