PD Dr. Sabine C. Koch, Universität Heidelberg  |    Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg   |   Prof.Dr.Cornelia Müller, Universität Viadrina, Frankfurt/Oder

 

Körpersprache von Tanz und Bewegung

Bedeutungsemergenz, Versprachlichung und therapeutische Nutzung

BMBF-Förderrichtlinie "Übersetzungsfunktion der Geisteswissenschaften"

 

Leibgedächtnis

Thomas Fuchs & Michela Summa

 

Mit dem Begriff des leiblichen Gedächtnisses wird ein impliziter und mit der leiblichen Erfahrung verflochtener Modus des Vergangenheitsbewusstseins bezeichnet. Dieses Phänomen lässt sich im Rahmen der Unterscheidung zwischen dem expliziten und dem impliziten Gedächtnissystem definieren. Das erstere umfasst sowohl das episodische Gedächtnis (die willkürliche Vergegenwärtigung unserer vergangenen Erfahrungen) als auch das semantische Gedächtnis (das bewusste Abrufen von bestimmten Kenntnissen und Daten). Im Unterschied dazu umfasst das letztere keine willkürlichen oder explizit bewussten Akte der Vergegenwärtigung, sondern vielmehr die verschiedenen Phänomene, in denen sich die konkrete und implizite Wirkung der Vergangenheit in der Gegenwart manifestiert. Unter dem leiblichen Gedächtnis sind infolgedessen sowohl erworbene leibliche Habitualitäten zu verstehen, als auch das unwillkürliche und gleichsam spontane Auftauchen von „Erinnerungsbildern“, die mit der leiblichen Erfahrung verbunden sind.

Ziel dieses Projektteils ist zunächst eine genaue Analyse der verschiedenen Formen des leiblichen Gedächtnisses, die mit einer neu entwickelten Taxonomie erfasst werden. Als theoretischer Hintergrund gilt dabei insbesondere die phänomenologische Philosophie, welche sowohl inhaltlich als auch methodologisch wichtige Anhaltspunkte zur Bearbeitung der Projektsfragen bietet. Die Ergebnisse dieser phänomenologischen Analysen werden dann in einen konstruktiven Dialog mit kognitionswissenschaftlichen und psychopathologischen Ansätzen gebracht. Dieser theoretische Ansatz wird durch die Einbeziehung von empirischen Forschungen (z. B. Interviews mit traumatisierten Patienten) vervollständigt.

 

Anhand dieser deskriptiven Studien werden insbesondere die folgenden Fragestellungen bearbeitet:

  • In welchem Sinne ermöglicht das leibliche Gedächtnis den Erwerb von leiblichen Habitualitäten und die Vertrautheit mit bestimmten Wahrnehmungs- und Erfahrungsmustern?
  • Wie verhält sich das Auftauchen von affektiv beladenen und leibbezogenen Erinnerungen zu traumatischen Erfahrungen?
  • Wie lässt sich das Auftauchen dieser Erinnerungen versprachlichen?
  • Welche Schichten der Selbsterfahrung werden von den Störungen des Leibgedächtnisses betroffen? Und welche Störungen des leiblichen Gedächtnisses treten bei bestimmten Erkrankungen auf (Beispiele: Schizophrenie, Autismus, Posttraumatische Belastungsstörung)?
  • Welche Wirkungen haben die Störungen des Leibgedächtnisses in der Ich-Du Beziehung und in den weiteren intersubjektiven Erfahrungen?

 

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Letzte Änderung 30.05.2012