PD Dr. Sabine C. Koch, Universität Heidelberg  |    Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg   |   Prof.Dr.Cornelia Müller, Universität Viadrina, Frankfurt/Oder

 

Körpersprache von Tanz und Bewegung

Bedeutungsemergenz, Versprachlichung und therapeutische Nutzung

BMBF-Förderrichtlinie "Übersetzungsfunktion der Geisteswissenschaften"

 

Projektabschlusstagung
17. Herbstakademie

01.-03.10.2012

 

 

 

 

 

 

 

Bewegung und Bedeutung

Sabine Koch & Astrid Kolter

 

Im Rahmen der psychologischen Embodiment-Forschung werden Experimente durchgeführt, die den Zusammenhang zwischen Bewegung und Bedeutung untersuchen. Beispielsweise wurde der Zusammenhang zwischen Annäherungsbewegung und positiver Einstellung und Vermeidungsbewegung und negativer Einstellung in Experimenten von Cacioppo, Priester und Berntson (1993), Neumann und Strack (2000), Wentura, Rothermund und Bak (2000) oder Raab und Green (2005) experimentell nachgewiesen.

Unter dem Stichwort des „Spatial Bias“ wurde, basierend auf dem Ansatz von Barbara Tversky (2008) und der Conceptual Methaphor Theory von George Lakoff und Mark Johnson (1999), begonnen, die Implikationen von Bewegungsrichtungen in der horizontalen (Casa­santo, 2009; Maass & Russo, 2003), der vertikalen (Schubert, 2005; Meier & Robinson, 2006) und der sagittalen Bewegungsachse (Koch, Holland, Hengstler, & Knippenberg, 2009) zu untersuchen (vgl. Laban, 1980; Bartenieff & Lewis, 1980). Die Ergebnisse sind ermutigend und lassen im Sinne Cassirers (1925) eine „Ungleichwertigkeit“ der Raumrichtungen aufgrund einer Kontingenz zwischen Raumrichtung und „spezifischen Organempfindungen“ erkennen.

 

Die Hauptrichtungen der Organisation vorne – hinten; oben – unten; rechts – links sind sowohl im Gesichtsraum wie auch im Tastraum übereinstimmend ungleichwertig. Die Hauptrichtungen sind nicht vertauschbar, weil bei jeder dieser Richtungen ganz spezifische Organempfindungen auftreten – so sind mit jeder dieser Richtungen auch gewissermaßen spezifische mytische Gefühlswerte verknüpft. So kommt es zu einer „Abbildung des an sich Unräumlichen am Raume.“ (…) Die einfachsten Raumworte wurden hierdurch zu einer Art von geistigen Urworten. (Cassirer, 1925, PdSF, Bd. 2, Kap. II; s. Bd. 1; S. 146ff).

 

Die Resultate der Forschung zum „Spatial Bias“ stimmen mit Grundannahmen aus der klinischen Bewegungsanalyse überein und könnten theoretisch auch in bewegungsanalyti­schen Theorien (Laban, 1980; Kestenberg, 1995) begründet werden. Von den drei postulierten Bewegungsachsen gibt es bislang die wenigsten gesicherten empirischen Erkenntnisse zur sagittalen Achse, der letzten Achse in der motorischen Entwicklung (ab dem 3. Lebensjahr;  Kestenberg, 1995). Doch ist die zugrunde liegende Ungleichwertigkeit bekannt, so schreibt beispielsweise Sheets-Johnstone (1999) sinngemäß: Körper haben eine Vorderseite und eine Rückseite und können sich leichter nach vorne als nach hinten bewegen (Sheets-Johnstone (1999). Rückwärtsbewegungen haben andere psychologische Implikationen als Vorwärtsbewegungen (z.B. Koch, Holland, Hengstler, & Knippenberg, 2009), der Raum hinter unserem Rücken ist für uns ein anderer als der Raum vor uns (Gendlin, 2005). Diese Asymmetrie in unserer leiblichen Verankerung in der Welt hat spezifische kognitive Implikationen (Lakoff & Johnson, 1999; Tversky, 2008).

 

 

 

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Letzte Änderung 30.05.2012