Abschluss-Rede

Jahrgang 2005

 

Von Eva Daschek und Sonja Kiko

unter Mitwirkung von Axel Konrad und Tobias Vogel

 

 

Begr٤ung

 

Eva: Liebe Absolventinnen

Sonja. und Absolventen,

Eva: liebe MŸtter

Sonja: und VŠter,

Eva: Schwestern

Sonja: und BrŸder,

Eva: Omas

Sonja: und Opas,

Eva: Freundinnen

Sonja: und Freunde,

Eva: Mitarbeiterinnen

v: und Mitarbeiter des Instituts.

Eva: Schšn, dass Sie alle hier sind und diesen besonderen Abend mit uns verbringen.

 

Sonja:

An dieser Stelle sei erwŠhnt, dass wir uns mit dieser doch etwas umstŠndlichen BegrŸ§ung das erste und letzte Mal in dieser Rede um ãpolitical correctnessÒ bemŸht haben – im Folgenden werden wir aus EinfachheitsgrŸnden auf das generische Maskulinum zurŸckgreifen.

 

Eva:

Wir mšchten und kurz vorstellen:

Wir, Sonja Kiko und Eva Daschek, leiten Sie durch diesen Teil des Abends. Im Laufe des Vortrags werden allerdings noch zwei weitere Personen wichtig: Tobias Vogel und Axel Konrad, die weniger am Verbalen beteiligt sind, sondern sich mehr mit den technischen Details befasst haben. Sie sehen, die Emanzipation hat auch vor dem psychologischen Institut nicht halt gemacht...

 

Sonja:

Jetzt werden sich vielleicht einige unter Ihnen fragen, warum ausgerechnet wir 4 mit der Aufgabe betraut wurden, die Abschlussrede zu halten. Ehrlich gesagt: Wir wissen es auch nicht! Allerdings kann man getrost sagen, dass diese anfallende Stichprobe eine erstaunliche ReprŠsentativitŠt aufweist. Schlie§lich stammen wir vier Absolventen aus immerhin 3 unterschiedlichen Erst-JahrgŠngen. Was das GeschlechterverhŠltnis angeht, sind wir lediglich fŸr die Gesamtbevšlkerung, weniger fŸr Psychologiestudierende, reprŠsentativ.

 

Eva:

Soweit zu uns, nun mšchten wir die Chance nutzen, und mit Ihnen gemeinsam einen Blick zurŸck werfen. Was ist passiert, seitdem wir Absolventen diese heiligen Hallen im Jahr 2000, 1999, 1 zum ersten Mal betreten haben?

Das Modell

 

Sonja:

Uns ist klar, dass jeder der hier anwesenden Absolventen einen individuellen Weg vom ersten Semester bis zum Diplom beschritten hat. Schwierig, die verschiedenen EindrŸcke unter einen Hut zu kriegen. Wir dachten uns, es wŠre am einfachsten, diesen Weg anhand eines Modells zu veranschaulichen, welches aus den Erfahrungen einer Stichprobe von n=4 konzipiert wurde.

 

Eva:

 

 

Das, was in dieser Black Box geschehen ist, mšchten wir nun gemeinsam mit Ihnen noch einmal revue passieren lassen.

 

 

Erwartungen und BefŸrchtungen bezŸglich Studium

 

Sonja:

Wir beschritten als unwissende Erstsemester voller Idealismus, Elan und Wissensdrang einen unbekannten Weg voller Unsicherheiten und bangen Fragen.

 

Eva: Werde ich mich in Heidelberg einleben?

Sonja: Schaffe ich so ein Studium Ÿberhaupt?

Eva: Werde ich Freunde finden?

 


Sonja:

Trotz all der €ngste und Unsicherheiten hatten wir einen Plan! Uns war immerhin klar:

 

Eva: Ich will einen helfenden Beruf!

Sonja: Ich will was mit Menschen machen!

Eva: Ich will verstehen, wie der Mensch so tickt!

 

Sonja:

Doch was wussten wir damals wirklich Ÿber Psychologie? Wahrscheinlich nicht mehr, als Otto Normalverbraucher...

An dieser Stelle kommen Ÿbrigens die beiden vorhin erwŠhnten MŠnner Axel Konrad und Tobias Vogel ins Spiel, die die folgenden EindrŸcke fŸr Sie gesammelt haben.

 

FILM ãWas fŠllt Ihnen zu Psychologie ein?Ò

 

 

EKS

 

Eva:

GlŸcklicherweise gab es das Erstsemester-Kompakt-Seminar, kurz EKS, in dem wir von lieben Tutoren aus den hšheren Semestern anderthalb Wochen intensiv auf den Ernst des Studiums vorbereitet wurden. Wir lernten wie viele Scheine man bis zum Vordiplom braucht, wie man einen Stundenplan baut, dass die ganzen Kennenlernspielchen gar nicht so peinlich sind, wenn alle mitmachen und natŸrlich, wo man die besten (oder besser gesagt: vollsten, lautesten,...) Kneipen findet. Ach ja, und das mit dem ãFreunde-findenÒ hatte sich zu diesem Zeitpunkt auch schon erledigt...

Nebenbei gab es im EKS auch Gelegenheit, sich von den Professoren erklŠren zu lassen, was Psychologie Studieren denn wirklich hei§t...

 

FILM ãStellen sie bitte ihre Arbeitseinheit vor, Herr Prof. Werner.Ò

 

Ah ja... War wohl doch nix mit ãden Menschen durchschauenÒ und so. Statt dessen eine Menge Statistik! Aber dank Hauke, Frauke, der Kuh Monika und einem immer wieder aufblitzenden roten Faden war auch dieser Schreck zu verdauen.

 

 

Outing in freier Wildbahn

 

Sonja:

Immerhin, man war jetzt Psychologiestudierender. Doch wer hŠtte erwartet, welche Reaktionen des Umfeldes man provozierte, wenn man die Frage (Eva: ãUnd, was studiertst du denn so?Ò)mit einem unschuldigen ãPsychologieÒ beantwortete...

 

FILM ãWas halten Sie von Psychologen?Ò

 

Doch auch daran gewšhnte man sich im Laufe der Zeit. Und wenn allzu hartnŠckige Zeitgenossen, die unbedingt ãanalysiertÒ werden wollten, zu ihrem Urteil kamen, machte das manchmal auch echt Spa§:

Sonja:ãDu bist doch Psychologin, jetzt analysier mich doch mal!Ò

Eva:ãDu wohnst garantiert noch zuhause bei Mama und hast keine FreundinÒ

Sonja: ãne, bei OmaÒ

 

So gestalteten sich also die ersten analytisch-diagnostischen Erfolge unserer Karriere. Doch langsam: was geschah im Grundstudium?

 

 

Das Grundstudium

 

Eva:

Experimental-Praktikum

Nachdem wir 2 Semester lang Veranstaltungen besucht und Referate gehalten hatten, war nun unsere KreativitŠt gefordert. Die Aufgabe: ein eigenes psychologisches Experiment planen, durchfŸhren, auswerten – also mit allem drum und dran. Vielleicht fŸhlen sich einige von Ihnen gerade daran erinnert, wie sie als Versuchskaninchen Berge von Fragebšgen zu bewŠltigen hatten, weil Ihr versuchspersonen-suchendes, psychologie-studierendes Familienmitglied Sie auf Knien darum gebeten hat.

An was dachten Sie, als der Begriff ãPsychologisches ExperimentÒ fiel?

 

FILM ãWelche psychologischen Experimente kennen Sie?Ò

 

Vielleicht haben Sie sich an einigen Stellen gerade selbst wiedererkannt.

 

Sonja:

Vordiplom

Nach 3-4 Semestern des ruhigen Vor-Sich-Hin-Studierens wurde es dann plštzlich ernst. Alle Scheine waren gemacht und auch man selbst hatte ausgiebig als Versuchsperson gedient. Und nachdem die AbiturprŸfungen bereits einige Jahre zurŸcklagen, war die NervositŠt vor den nun anstehenden VordiplomprŸfungen entsprechend gro§. Aber nicht nur der PrŸfungsstoff an sich bereitete uns Kopfzerbrechen und Magengrummeln, sondern auch die Organisation des Ganzen: wie wann welche PrŸfung machen?

 

Eva:

Ausland

Aber auch diese HŸrde haben wir bewŠltigt. Nun war es bei vielen Betroffenen Zeit fŸr einen kleinen Tapetenwechsel. N=3 mšchten im Folgenden Ÿber ihre Erfahrungen in Amsterdam, BrŸssel und Madrid berichten.

An erster Stelle mšchten wir den sog. ãERASMUS-EffektÒ erlŠutern. Dieser Effekt beschreibt die Verwandlung von braven, strebsamen Studenten (Sonja: nationalen Viel-Feierern) in ambitionierte Auslandsstudenten (Sonja: internationale Party-Animals). Veranschaulichen mšchten wir diesen Effekt anhand einer kleinen Graphik:

 

Abb. 1: Prozentualer Anteil Feiern/Arbeiten im Vergleich - Heidelberg vs. Ausland

 

GlŸcklicherweise war der Effekt weitgehend reversibel.

 

Auch wenn das Sammeln von Scheinen bzw. Credit points weniger wichtig war als zuhause: wir haben trotzdem eine Mengen gelernt – auch wenn das neue Wissen oft eher indirekt mit Psychologie zu tun hatte, sondern eher dem Bereich ãEthnopsychologieÒ zuzuordnen war...

 

 

 

Das Hauptstudium

Sonja:

Neustart

Aber zurŸck nach HD. Da fŸhlte man sich nun gerade gro§ und stark, weil man das anstrengende Vordiplom erfolgreich bewŠltigt, sich im Ausland tapfer geschlagen hatte und immerhin zum cand. psych. aufgestiegen war, und schon musste man feststellen, dass im Hauptstudium ein gro§er Berg neuer Aufgaben auf einen wartete. Da konnte man sich recht verloren und unwissend fŸhlen unter all den hšheren Semestern, die nur so mit Begriffen um sich warfen, von denen man selbst keinerlei Ahnung hatte - also eigentlich das gleiche Spiel wie in Statistik im ersten Semester.

Wir mšchten Ihnen an dieser Stelle die Top 10 der neuen unverstŠndlichen und kuriosen Hauptstudiumsbegriffe vorstellen:

 

Sonja               Platz 10           universal-differenzial-Štiologisch

Eva                  Platz 9             Paraphrasieren

Sonja               Platz 8             hirnorganisches Psychosyndrom

Eva                  Platz 7             ordinale Regression

Sonja               Platz 6             Pseudo-Kontingenz

Eva                  Platz 5             Metakognition

Sonja               Platz 4             Zeitreihenanalyse

Eva                  Platz 3             multimediales Lernen mit Hypertext und Hypersound

Sonja               Platz 2             histrionisch

Eva                  Platz 1             das Volvo-Werk in Skšvele

 

Aber auch ins Hauptstudium hatte man sich bald eingelebt und man verwarf schlie§lich den aufdringlichen Gedanken, vielleicht doch das Falsche zu studieren (Eva: wŠre BWL doch das Richtige gewesen?). Zum GlŸck blieben wir der Psychologie treu, schlie§lich nŠherten wir uns gerade den absoluten Highlights des HauptstudiumsÉ

Eva:

KliPs-Praktikum: Im Kreis therapieren

Eines dieser Highlights war das KLIPS-Praktikum. Man kšnnte das ungefŠhr so beschreiben: Kleine Gruppen von je 3 Studenten beobachten, analysieren und therapieren sich gegenseitig 1 Semester lang. Dabei stellen sie fest, dass selbst ein noch so kleines Alltags-Problem wie (Sonja) ãMeine Mitbewohnerin benutzt immer mein ShampooÒ tatsŠchlich den Stoff fŸr 5 Therapiesitzungen hergibt. Wichtige Fragen, die man als angehender Therapeut hier zu stellen lernt, sind z.B.: (Sonja) ãWas geht in Dir vor, wenn Deine Mitbewohnerin das tut?Ò oder systemisch gefragt: (Sonja) ãWas glaubst Du, was Deine Mitbewohnerin Ÿber Dich denkt, wenn sie Dein Shampoo benutzt?Ò

Jetzt aber ernsthaft: das KLIPS-Praktikum war nicht nur eine ganz neue persšnliche Erfahrung, sondern auch der erste wichtige Schritt unserer therapeutischen Karriere. Die Bezeichnung Highlight hat es also absolut verdient.

ABO-Projekt-Seminar:

Aber auch diejenigen, die es eher Richtung Betriebspsychologie zog, kamen im ABO-Projektseminar auf ihre Kosten. Dieses Seminar hat nicht umsonst den Landeslehrpreis verdient. Man hatte dort die Mšglichkeit, in gro§en Unternehmen wichtige Aufgaben zu erledigen, was sehr zur Fšrderung der Selbstwirksamkeit beitrug. Am Frankfurter Flughafen beispielsweise unterstŸtzten einige Heidelberger Psycho-Studenten die dortige Personalabteilung bei der Auswahl von FeuerwehrmŠnnern. Von Feuerwehrarbeit brauchte man dafŸr Ÿberraschenderweise gar nicht so viel  Ahnung zu haben. Und man hatte angenehmerweise mal mit Leuten zu tun, die nicht versuchen, in jedem Satz mšglichst viele Fremdwšrter unterzubringen. Gerade zum Hineinschnuppern in die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen war das ABO-Projekt-Seminar also eine echt gute Sache!

 

 

Diplom

 

Sonja:

Und ehe wir uns versahen, hatten wir ein Thema fŸr die Diplomarbeit gefunden. Was wir nicht wussten: es wŸrde sich noch mehrfach Šndern... Dies ist vermutlich einer der GrŸnde dafŸr, dass diese Zeit eine der emotionalsten des Studiums war. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrŸbt. Das GefŸhl, sich von Zeit zu Zeit alleingelassen zu fŸhlen und das ganze Machwerk am liebsten an die Wand werfen zu wollen. Andererseits stolz darauf zu sein, eben dieses Machwerk im relativen Alleingang geboren zu haben. Auch wenn die PubertŠt eine Weile her war: man fŸhlte sich zeitweise doch in diese emotional instabile Phase zurŸckversetzt.

Trotz dieser erschreckenden Erfahrungen scheint es doch einen erstaunlich hohen Prozentsatz an Absolventen unter uns zu geben, der eine Promotion anstrebt. Vielleicht lassen einen solche Grenzerfahrungen doch reifen...

 

Eva:

Hatte man es dann geschafft ohne grš§ere NervenzusammenbrŸche und ohne Fixierung der pubertŠren Anwandlungen die Diplomarbeit abzugeben, begann der Kampf um die PrŸfungstermine. Und wenn man dann den Termin unter Dach und Fach hatte und auch der PrŸfer anwesend war, war das doch die halbe Miete. TatsŠchlich kursieren GerŸchte Ÿber auf GŠngen campierende Studenten und Professoren, die schon mal einen PrŸfungstermin vergessen...

Sonja:

Wir haben es alle geschafft. Es gab glŸcklicherweise immer wieder Menschen, die einem in dieser stressigen Zeit unter die Arme gegriffen haben und mit Rat und Tat zur Seite standen. Aus all diesen lieben, motivierten Menschen mšchten wir heute Abend stellvertretend fŸr all unsere ãEngelÒ eine Person speziell hervorheben.

 

Eva

Unser Fels in der Brandung, die Person, die das Unmšgliche mit unglaublichem Engagement immer wieder mšglich gemacht hat: Alexandra Hohneder!

 

 

 

Fazit

Sonja:

Um abschlie§end noch einmal auf unser Modell zurŸckzukommen: nun sind wir, ob man es glaubt oder nicht, laut Modell ãGro§e, erwachsene, gereifte PsychologenÒ.

Was hat sich verŠndert, seit wir an unserem ersten Uni-Tag dieses Institut betreten haben?

 

Eva:

Weniger, als man denken sollte. Die subjektiv empfundene Reife hat sich von T0 zu T1 nicht verŠndert, man hat definitiv mehr Arbeit fŸr unwesentlich mehr Geld. Es gab kein gravierendes Upgrade bzgl. Wohnraum oder Lebensstandard, der Nachtschlaf wird nach wie vor auf Kosten der ãFreizeitgestaltungÒ zurŸckgestellt. Immerhin wird man mittlerweile von Patienten ab und zu mit ãFrau DoktorÒ angesprochen.

 

Sonja:

Aber: wenn man heute die frisch eingetroffenen Erstsemester sieht und sich an seine eigene Ersti-Zeit erinnert: es ist viel passiert. Auf einmal ist doch ein signifikanter Anstieg der subjektiv empfundenen persšnlichen Reife zu verzeichnen. Und daran ist nicht unwesentlich dieses Institut mit all den Personen beteiligt, die uns im Laufe der Jahre an ihrem Wissen, ihren Ansichten und ihren Erfahrungen haben teilhaben lassen. Wir haben hier im psychologischen Institut eine super Ausbildung genossen. Und wenn Sie es auch nicht gemerkt haben: von einigen von Ihnen haben wir uns eine Scheibe abgeschnitten!

 

Eva:

Zuletzt mšchten wir uns bei all den Menschen bedanken, die es mšglich gemacht haben, dass wir heute alle hier sind und uns ãDiplom-PsychologenÒ nennen dŸrfen.

 

Eva und Sonja: Danke!!!