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Rede der AbsolventInnen auf der 10. Diplomfeier am 19.12.2008 am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg

Dipl.-Psych. Daniel Danner:

Wir sitzen heute hier und halten einen der besten Bildungsabschlüsse in der Hand, die es in Deutschland - man möchte inzwischen fast sagen, für Geld zu kaufen - gibt.

Und wieder einmal stehen wir an einem Punkt in unserem Leben, an dem man uns sagt: „Jetzt geht es los! Jetzt steht Ihr auf eigenen Beinen, im eigenen Leben!“ Und man fragt sich, was es ist, das uns dazu befähigt

Wir haben Abitur gemacht, haben die Hürde des NCs genommen und haben sogar in Heidelberg eine Wohnung gefunden. Haben Vorlesungen besucht, Skripte kopiert, Bücher gekauft und dann wieder verkauft. Wir haben Lerngruppen gebildet, haben den „Amelang und Bartussek“ gelesen. Einige von uns sind dann ins Ausland. Wir haben Hausarbeiten geschrieben, Prüfungen abgelegt und eine Diplomarbeit verfasst.

Aber was zeichnet uns als Psychologen aus? Was ist es, was wir in den letzten Jahren gelernt haben und uns qualifiziert?

Wir haben gelernt, dass man zwischen halb zwei und zwei nicht in den Marstall gehen sollte, weil es dann am vollsten ist. Dass Emma erst ab 9€ Mindestbestellwert liefert und dass vor Mitternacht im Karlstor nix los ist

Und solches Wissen zeichnet bestimmt das Studium in Heidelberg aus, aber nicht unbedingt uns als Psychologen. Und wenn man uns fragt, was von dem, was wir im Studium gelernt haben, übrig geblieben ist, dann können wir sagen:

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, „Ein Mittelwert ohne Angabe von Standardabweichung oder Varianz ist sinnfrei“ und „Reliabilität ist die Eigenschaft einer Zufallsvariablen, nicht die eines Tests“.

Aber auch mit dem Wissen kommen wir nicht so weit. Ein Dozent, den ich sehr schätze hat im ersten Semester gesagt: „Sie lernen hier im Studium keinen Beruf, sondern eine Disposition zum Beruf“. Ob das so stimmt, weiß ich nicht. Immerhin kann ich mit der Disposition Geld verdienen. Aber womit er mit Sicherheit Recht hatte ist, dass wir nicht auf alles vorbereitet sein werden, was uns in unserer Funktion als Psychologen erwartet.

Das merken wir spätestens Weihnachten, wenn dann Verwandte auf uns zukommen und sagen: „Du bist doch Psychologe. Hör mal, was der oder die gesagt oder gemacht hat“ und wir dann entscheiden müssen ob das normal oder verrückt ist.

Aber was wir gelernt haben, was wir hier in Heidelberg mitgekriegt haben, ist eine Art zu denken. Dinge zu durchzudenken, nicht nur anzudenken. Wir haben gelernt zu hinterfragen und immer zu sagen: „Ja, aber...“. Wir haben gelernt, dass es für viele Probleme nicht die richtige und nicht nur eine Lösung und nicht nur eine Ursache gibt.

Aber, dass wir genug gelernt haben, haben wir in den Prüfungen ja gezeigt. Oder zumindest haben wir in den Prüfungen, das was wir gelernt haben, zu genüge gezeigt.

Viel wichtiger ist jetzt eigentlich die Frage, was wir mit dem anfangen, was wir gelernt haben. Was wir zu der Welt beitragen möchten, in der wir leben.

Und das ist ja eigentlich kein neues Prinzip. Das gab es früher schon. Das tun wir jeden Tag, wenn wir uns entscheiden, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Im Studium waren das so Dinge wie, ob wir unsere Prüfungsunterlagen an andere weitergeben oder dann doch eher die wichtigen Seiten aus Lehrbüchern rausreißen. Ob wir unseren Kaffee beim Tchibo kaufen oder im Weltladen. Ob wir auf WG-Partys das letzte Bier wegtrinken oder das Bier mitbringen.

Und dann gab es auch noch Dinge, auf die man selbst wenig Einfluss hatte. Studiengebühren, zum Beispiel.

Was sagen wir eigentlich unseren Kindern, wenn die uns in 20 Jahren fragen, was wir damals gemacht haben, als die Studiengebühren eingeführt wurden? Sagen wir dann: „Wir haben die überwiesen?“

Mir sind immer gute Gründe eingefallen, warum ich mich nicht näher mit dem Thema auseinander gesetzt habe. Da waren Prüfungen und dann die Diplomarbeit und dann wieder Prüfungen und dann wollte ich auch mal in den Urlaub gehen.

Und es gab ja auch Menschen, die von den Studiengebühren profitiert haben. Der Europäische Hof freut sich bestimmt, wenige Dozenten freuen sich vielleicht auch, weil Lehrveranstaltungen, die seit Jahren nur in Ihrem eigenen Büro stattfinden, zeitweise aus Studiengebühren finanziert wurden und auch manche Sudenten freuen sich, weil man mit den 600 Freikopien, die durch Studiengebühren finanziert wurden, beeindruckende Kollagen machen kann.

Aber so bequem es ist, zu schimpfen. Vielleicht sollte man die Verantwortung lieber bei sich selbst suchen und fragen, was man selbst gemacht hat oder was man nicht gemacht hat. Was man dazu beigetragen hat, dass Studiengebühren verhindert werden oder sozial verträglicher gestaltet werden. Wie oder ob man in dieser Hinsicht dazu beigetragen hat, die Welt in der man lebt, zu gestalten.

Und jetzt sind wir keine Studenten mehr, jetzt sind wir Diplompsychologen. Da gestalten wir auch mit, vielleicht sogar noch mehr als vorher. Oder um Maguire zu zitieren: „Mit großer Macht kommt große Verantwortung“.

Manche von uns werden in Kliniken gehen und dort entscheiden, wer in der Klinik bleiben muss oder noch viel öfter und viel wichtiger, wer in der Klinik bleiben darf.

Und manche von uns werden in Wirtschaftsunternehmen gehen und dort entscheiden, welcher Bewerber den Job kriegt und welcher nicht. Und unsere Aufgabe ist es dann sicherzustellen, dass Menschen aufgrund Ihrer Qualifikation, ihrer Passigkeit oder Lesitung ausgewählt werden und dass niemand aufgrund seiner Herkunft, seines Alters oder Geschlechts benachteiligt wird. Und auch niemand aufgrund seines Geschlechts bei gleicher Qualifikation bevorzugt wird.

Und manche von uns werden in die Forschung gehen. Und auch hier tragen wir Verantwortung, nicht nur das, was wir gelernt haben gewissenhaft umzusetzen, sondern auch zu hinterfragen, ob unsere Arbeit gesellschaftlich förderlich ist.

Ich wünsche jedem von uns, dass wir mal einen Haufen Geld verdienen und unser Kinder dann studieren können. Und ich wünsche jedem von uns, dass wir der Verantwortung, die wir mit dem Diplom mit nach Hause kriegen, gerecht werden und mit unserem Handeln dazu beitragen, dass die Welt so ist, wie wir sie haben wollen.

Aber wenn man eine solche Rede hält, dann darf man bei all den kritischen Worten nicht vergessen, dass es Menschen gibt, die es überhaupt erst ermöglicht haben, dass man heute hier steht.

Zu aller erst unsere Familien. Und da ich heute hier vorne stehe, kann ich meine Familie erwähnen, die heute zu einem Grossteil hier ist. Und die mich nicht nur finanziell unterstützt hat, sondern mir immer das Gefühl gegeben hat, dass ich meine Sache gut mache, und die immer für mich da war: Vielen Dank!

Und mein Dank gilt all den Dozenten (und ich will hier keine Namen nennen, weil es gibt ja Dozenten, die ich ganz toll fand und andere vielleicht nicht und auch andersrum), die mit ihrem Herausragenden Intellekt beeindruckt haben und Vorbild sind, die durch ihr großes Engagement nicht nur Wissen vermittelt, sondern unseren Geist und unser Denken geprägt haben, die ermutigt haben und all denen, die durch ihre Meinung provoziert zum kritischen Denken gezwungen haben. Vielen Dank!

Und dann gibt es auch noch viele Menschen, die eher im Hintergrund arbeiten in der Verwaltung, der Haustechnik und der EDV und die man meist nur denkt, wenn irgendetwas nicht funktioniert. Und auch wenn der Sozialpsychologe in uns weiß, dass bei solch verzerrten Stichproben schnell falsche Schlussfolgerungen gezogen werden, vergisst man das schnell und vergisst auch schnell Danke zu sagen. Daher auch Ihnen: Vielen Dank!

Und besonderer Dank allen Freunden, mit denen ich die letzten Jahre geteilt habe. Die man anrufen konnte, wenn man in der Nacht vor einer Prüfung noch gelernt hat und die einen v.a. in anderen Nächten vom Lernen abgehalten haben. Auch das waren Momente, die das Studium ausgemacht haben. Vielen Dank!


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© Copyright Psychologisches Institut. Created: 18.12.2006; last rendered by JF on 29.12.2008; 14:00:04 Uhr with Frontier on a Macintosh.
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