Liebe Gäste! Wir möchten Sie alle herzlich begrüßen und freuen uns sehr, dass Sie heute Abend hierher gekommen sind, um mit uns Diplomanden unseren Studienabschluss zu feiern. Außerdem freuen wir uns sehr, dass wir beiden heute die Gelegenheit bekommen haben, im Namen der Studierenden diese Rede zu halten.
Wir möchten zunächst einen Rückblick auf unser Studium werfen, da wir hier zusammen vereint sind, um dessen Ende feierlich zu begehen und da es dieses Studium ist, das uns alle verbindet. Anschließend wollen wir auch einen Blick in die Zukunft wagen.
NR: Für Quereinsteiger, wie ich eine bin, lief alles anders. Da das EKS nur für „geladene Gäste“ bestimmt ist und auch Nebenfachstudierende keine Einladung erhalten hatten, wurde mir z.B. der Zutritt zu diesem Hörsaal am EKS-Tage verwehrt, es wurde ganz klar zwischen der in-group der Diplom-Studierenden und der out-group aller anderer unterschieden.
Neben diesen studienbezogenen Herausforderungen war diese Zeit auch durch private Veränderungen geprägt: Viele zogen in das schöne, touristisch erschlossene Heidelberg (was nebenbei bemerkt ein wirkliches Problem sein kann, wenn man etwas knapp für ein Seminar dran ist und nicht an der vor einem schlendernden Horde Japaner vorbei kommt), verließen das „Hotel ‚Mama’“ und mussten neben der Selbstorganisation des Studiums auch die eigenverantwortliche Organisation eines Haushaltes lernen.
Ab der Einschreibung fürs Studium veränderte sich außerdem noch die Reaktion anderer auf uns. Nach der Antwort „Psychologie“ auf die Frage, was man studiere, taten sich sehr unterschiedliche Verhaltenskategorien auf: (1) „die Erschrockenen“:
SG: „Oh mein Gott, jetzt habe ich mich schon 5 Minuten mit Dir unterhalten und Du weißt jetzt alles über mich.“
NR: (2) „die Abwehrenden“:
SG: „Psychologen gehören doch selbst alle in die Klapsmühle.“
NR: (3) „die Hilfesuchenden“:
SG: „Ach Du bist Psychologin! Ein guter Freund von mir hat ein ziemlich großes Problem! Vielleicht kannst Du mir da weiterhelfen?“
Ebenso viel Erfurcht flößte uns in den ersten Semestern das Statistikprogramm SAS ein
NR: „Das müsst ihr so schnell wie möglich lernen, ohne SAS schafft Ihr das Studium nicht!“
SG: schärften uns unsere EKS-Tutoren bereits zu Anfang ein. Und entsprechend voll waren die SAS-Kurse am Universitätsrechenzentrum (URZ). Die SAS Programme waren damals sehr kompliziert. Hier ein Beispiel:
DATA BLUME; INPUT IRIS BEGONIE AMARYLLIS; LIST; CARDS; 2 1 0 0 2 3 1 0 0 4; PROC GLM; TITLE KELCHBLÜTENBLATTLÄNGE ÜBER KNOSPENDICKE; MODEL Y = A B A*B PROC PRINT; RUN;
(wichtig ist das Semikolon nach RUN!!)
Mit SAS bin ich nie warm geworden, daran konnten auch die schwärmerischen Ausrufe unserer SAS Tutorin Frau Ortseifen nichts ändern:
NR: „SAS ist mächtig!“
SG: - nur Saskia begriff es nicht. Für meine Diplomarbeit wollte ich endlich meine SAS-Kenntnisse verwenden, inzwischen hatte es auch eine ganz benutzerfreundliche Windows-Oberfläche bekommen (für die man keinen langen Kurs braucht). Mein Betreuer bestand aber darauf, dass ich SPSS verwende, weil er SAS nicht kenne. Tja, wäre ich doch statt der drei SAS-Kurse ins Freibad gegangen!
Aber auch in der Sozialpsychologie geschah etwas, was typisch für unser Fach ist. Es gibt etliche Theorien, die man nur schlecht auf den Alltag übertragen kann. So wurde z.B. mit besonderer Spannung das Thema "Liebe, Attraktion und Partnerschaft" erwartet. Hier strömte die Studentenschaft mit Begeisterung hin, voller Erwartungen, gute, erprobte, psychologisch fundierte und statistisch abgesicherte Hinweise für die nächste Fete erhalten zu können. Und dann lernten wir, dass wir möglichst unseren Angebeteten über eine wacklige Hängebrücke schicken und auf der anderen Seite warten sollten, so dass die physiologische Erregung aufgrund der Angst, von der Bücke abstürzen zu können, fälschlicherweise als Verliebtheit ausgelegt werden würde.
SG: In der Entwicklungspsychologie hat mich die Bindungstheorie von John Bowlby mit ihren vier Bindungstypen der Mutter-und-Kind-Bindung beeindruckt. Der Bindungstypus, den man als Kleinkind zu seiner Mutter hat, bleibt i.d.R. über das Leben stabil, man hat diese Art von Bindung auch zu anderen wichtigen Personen und gibt sie sogar an die eigenen Kinder weiter.
Erhoben werden die Bindungstypen im Fremde Situations Test von Mary Ainsworth, bei dem Kleinkinder sich mit Mutter und Versuchsleiter in einem Raum befinden. Wenn die Mutter aus dem Raum geht, wird das Kleinkind aufgrund seiner Reaktion einem der vier Bindungstypen zugeordnet: Sicher autonom, Unsicher-Vermeidend, Unsicher-Verwickelt und Desorganisiert.
Das Beste am empirischen Praktikum war jedoch, dass wir uns endlich den Themen widmen konnten, die uns wirklich interessierten. Und was wäre das wohl?
Dies sind Poster der Expraktikums-Kongresse 1998/1999, bei denen die meisten von uns mitgewirkt haben sollten:

Lustig war es, als wir uns alle auf die Prüfungen in Allgemeiner Psychologie vorbereiteten:
NR: „Hallo Saskia, was machst du zurzeit?“
SG: „Ich lerne Lernen! Und du?“
NR: „Ich? Ich lerne Denken!“
SG: Von meinem Lieblingsplatz in der UB zogen vor meinem Fenster mit Blick auf den Philosophenweg die Jahreszeiten vorbei, und irgendwann war es Ende Januar und die letzte Prüfung war geschafft, und wir kannten inzwischen die 4 Stadien der kognitiven Entwicklung im Kleinkindalter, die 4 Phasen der motorischen Entwicklung, die 6 Stufen der Entwicklung des Objektbegriffs und die 6 Stadien der Moralentwicklung nach Kohlberg. Wir kannten 3 wichtige Persönlichkeitsmodelle mit dazugehörigen Typen, Traits und spezifischen Reaktionen, 6 Intelligenzmodelle mit Primärfaktoren und spezifischen Faktoren, wir wussten deren Reliabilitätskoeffizienten und Korrelationen untereinander. Wir wussten Bescheid über die Vergessenskurve für sinnlose Silben und den Zerfall von Gedächtnisspuren bei Küchenschaben, wir kannten die Methoden um mittels Futterpille und Elektroschock Ratten zu jedem gewünschten Verhalten zu bewegen ....

Auch dieser Abschnitt war geschafft und das zu unserem Erstaunen für die meisten mit sehr guten Noten - ein seltsamer Sachverhalt, wo wir Psychologen doch wissen, dass eine solche Skala wenig trennscharf ist!
Einige nutzten das Hauptstudium für einen Auslandsaufenthalt oder zu einem Studienortwechsel, was zu einer weiteren Vermischung der verschiedenen Anfangsjahrgängen führte und dazu, dass wir, die wir heute hier sitzen, trotz sehr unterschiedlicher Anfangsjahre eines gemeinsam bewältigt haben: die Diplom-Prüfungszeit.
Nachdem eineinhalb Jahre später doch plötzlich der Tag gekommen war, an dem ich in einem vollkommen unspektakulären und unfeierlichen Akt die Diplomarbeit eingereicht hatte, konnten mich die Prüfungen des Hauptstudiums nur noch wenig schrecken. Wieder galt es Spezialthemen, Material und Termine zu organisieren - die Terminvereinbarung erwiesen sich oft als sehr schweres Unterfangen, was dem Anspruch auf kürzere Studienzeiten spottete. Die Prüfungen liegen ähnlich reibungslos und erfolgreich ab wie im Vordiplom. Nur hatte man viele der Kommilitonen nach der zweijährigen Phase von Diplomarbeit und Prüfungen aus den Augen verloren. Und als meine letzte Prüfung vorbei war, und ich immer noch zu Hause saß, über Bewerbungsbüchern und vor dem PC um meinen Lebenslauf zu schreiben, hatte sich vom Lebensgefühl her kaum etwas verändert.
Deshalb bin ich froh, dass uns diese Diplomfeier die Gelegenheit gibt, das Ende dieses Lebensabschnitts gemeinsam zu feiern.
Jetzt ist das Studium vorbei, und die Zukunft liegt vor uns. Was kommt jetzt? Hat uns die Uni gut vorbereitet? Was haben wir gelernt?
Zum ersten wäre da das selbstgesteuerte, eigenverantwortliche Lernen zu nennen. Während in der Schule ja noch viele Schritte und Teilschritte vorgegeben werden, hatten wir im Studium immer wieder eigene Entscheidungen zu treffen, wie wir vorgehen sollten. Wie gehe ich vor, wenn ich mir ein unbekanntes Thema aneignen möchte, wie besorge ich relevante Literatur, wie hängen die unterschiedlichen Themen zusammen etc. pp.? Diese und ähnliche Fragen musste jede und jeder beim Anfertigen von Hausarbeiten und natürlich auch von der Diplomarbeit lösen.
SG: Zweitens wurde in den Empirischen Praktika und Projekt- und Fall-Seminaren viel Wert auf Teamarbeit gelegt. Da das heutige Berufsleben zumeist durch Teamarbeit geprägt ist -unabhängig davon, in welchem Bereich man arbeitet- sind die Erfahrungen aus dem Studium beispielsweise wie man gemeinsam Ideen entwickelt, Arbeit austauscht oder das Beachten von Feedbackregeln extrem wertvoll. Die so gelernte soziale Kompetenz ist unersetzlich.
Drittens wird bei uns im Studium gefordert, Referate vorzutragen. Auch diese Schulung in den sog. Moderations- und Präsentationstechniken sollte für uns alle in Zukunft nützlich sein.
NR: Wir alle haben unsere eigenen Techniken entwickeln, wie wir Texte quer lesen und uns die Arbeit einteilen und priorisieren, um zu einem bestimmten Termin alles fertig zu haben, wie wir uns auf einen Vortrag vorbereiten, wie wir Teamarbeit gestalten. Bedauerlich ist jedoch, dass wir uns mehr oder weniger alleine durchwurschteln mussten und relativ wenig Unterstützung erhalten haben. Das fängt damit an, dass die Rückmeldungen nach Referaten oder aufgrund von Hausarbeiten in der Regel recht dürftig ausfallen. Anstatt sich mit irgendwelcher Techniken durchzuschlagen, wäre es sinnvoll die effektiven anzuwenden. Denn, gerade in einer Zeit, in der sich das Faktenwissen recht schnell erneuert und überholt, wäre es sehr wünschenswert, neben dem psychologischen Basiswissen auch eine Reihe guter Lerntechniken an die Studierenden weiterzugeben. Schade ist auch, dass Elemente wie Gruppenarbeit zumeist eher zufällig stattfinden, und jeder hier auch die Möglichkeit hatte, sich als Einzelkämpfer durchs Studium zu schlagen. Insbesondere bei der Diplomarbeit werden noch immer Gruppenleistungen eher schwierig anerkannt.
SG: Außerdem haben wir einen besonderen psychologischer Blickwinkel und eine spezielle Herangehensweise an unsere Themen gewonnen: ein Denken, das ich „empirisch“ nennen möchte: Im Wissen um kognitive Biases, Wahrnehmungstäuschungen und den statistischen Zufallsfehler betrachtet der Psychologe im Alltag verbreitete Laientheorien nicht als die Wahrheit, sondern als Hypothesen, deren Inhalt erst mithilfe von Versuchsplanung und statistischen Auswertungsmethoden überprüft werden müssen . Hierbei sind multivariate Zusammenhänge und Interaktionen zu beachten.
NR: Des weiteren liegt das Fach Psychologie auf der Grenze zu einer Vielzahl anderer Fächer: im Bereich der Erkenntnisgewinnung streift es philosophische Themen, in der Allgemeinen Psychologie werden Bereiche der Linguistik und Sprachwissenschaften angetastet, es gibt einen biologischen, mathematisch/statistischen, soziologischen Bereich und so weiter. Alle Bereiche, die mit Menschen zu tun haben, sind von Hause aus ein Bereich für die Psychologie. Ich denke, dass dies ein Vorteil der Psychologie ist, denn wir konnten erstens somit in viele andere Disziplinen Einblick gewinnen, und zweitens indem sich die Psychologie immer auch von anderen Fachrichtungen inspirieren lassen hat.
Sind wir sicher autonom gebunden, so dass wir uns lebhafte Erinnerungen an gute und schlechte Aspekte unserer Unizeit haben, dass wir das nötige Fundament von ihr bekommen haben, um nun allein die ersten Schritte in die große weite Welt zu tun? Wissen wir, dass wir wieder zu unserer Uni zurückkommen können, wenn wir von ihr Hilfe brauchen, aber vertrauen darauf, dass wir das Leben danach schon meistern werden?
NR: Oder sind wir unsicher-distanziert gebunden, haben uns an der Uni nie richtig wohl gefühlt und verdrängen die Erinnerung an sie, sind froh, dass endlich alles vorbei ist? Vermeiden den Kontakt, Behaupten, dass dir Uni für uns nie wichtig war?
SG: Oder sind wir etwa unsicher- verwickelt gebunden? Befinden uns in übertriebener emotionaler Verwicklung mit unserer Uni, können uns nicht vorstellen, außerhalb von ihr zu leben, fühlen uns Abhängig von ihrer andauernden Fürsorge?
SG: Ob wir es eingestehen oder nicht, so hat uns die Uni Heidelberg sicher geprägt; und auch wenn Einiges zu verbessern gewesen wäre, fänden wir es schade, wenn wir einfach von der Uni gingen, frei nach dem Motto "Uns betrifft es ja nicht mehr".
NR: Diejenigen unter Euch, die sich also noch mehr Praxisbindung und individuelle Förderung gewünscht hätten, können vom Berufsleben aus gleich wieder an die Uni zurück kommen, um eben dies selbst in die Hand zu nehmen. Wie könnte das konkret aussehen? Wir geben den Studenten nach uns etwas: z.B. Einblicke in die Praxis oder Laufbahnberatung. Wir können Praxisvorträge und Workshops geben, Praktikumsplätze an der Uni aushängen, Diplomarbeiten in unserer Firma oder Praxis anbieten, wir selbst können Mentoren werden. Somit können wir aktiv unsere Uni verbessern. Wir auf der anderen Seite erhalten auch etwas im Gegenzug. So halten wir Kontakt zu den neuen theoretischen Entwicklungen, wenn Themen aus unserem Arbeitsleben durch Diplomarbeiten bearbeitet werden.
SG: Auch untereinander können wir einander helfen. Durch den Austausch von Adressen, das Nutzen von Kommunikationsplattformen im Internet, Jahrgangstreffen und den Alumni-Verein können wir untereinander vernetzt bleiben und gegenseitig auf Kompetenzen zurückgreifen. Jeder kommt einmal an einen Punkt, wo sie oder er nicht Experte ist. Aber vielleicht gibt es ja jemanden aus der Studienzeit, mit dem man locker Kontakt aufnehmen könnte?
NR: Es dürfte also ganz klar sein: Ja, wir sollten mit der Uni verbunden bleiben, es ist gut, in ein Netzwerk eingebunden zu sein, dem ich etwas geben kann und das mir etwas gibt. Unser Netzwerk kann jedoch nur wirklich funktionieren, wenn wir möglichst viele Verknüpfungen schaffen, wenn wir uns untereinander verlinken. Die Plattform hierfür bietet der Alumni-Verein (von dem wir im übrigen nicht gebeten worden sind, diese Worte zu sagen). Auch wenn ich hier vor so vielen Personen spreche, hoffe ich, dass keine Verantwortungsdiffusion stattfindet, sondern dass sich jede und jeder einzelne hier seiner Verantwortung unserer Alma Mater gegenüber stellt und ein Knotenpunkt unseres Netzwerkes wird.

Hiermit sind wir am Ende unseres Beitrags angelangt. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und weiterhin einen heiteren Abend.