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Rede der AbsolventInnen auf der 5. Diplomfeier am 19.12.2003 am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg

von Saskia Grotheer und Nadja Rossberg

Liebe Gäste! Wir möchten Sie alle herzlich begrüßen und freuen uns sehr, dass Sie heute Abend hierher gekommen sind, um mit uns Diplomanden unseren Studienabschluss zu feiern. Außerdem freuen wir uns sehr, dass wir beiden heute die Gelegenheit bekommen haben, im Namen der Studierenden diese Rede zu halten.

Wir möchten zunächst einen Rückblick auf unser Studium werfen, da wir hier zusammen vereint sind, um dessen Ende feierlich zu begehen und da es dieses Studium ist, das uns alle verbindet. Anschließend wollen wir auch einen Blick in die Zukunft wagen.

Teil 1: Rückblick auf das Studium

1. EKS

SG: Im Oktober vor sieben Jahren kam ich zum ersten Mal in unser Psychologisches Institut, um das Erstsemesterkompaktseminar (EKS) mitzumachen. Hier in diesem Hörsaal saßen wir mit 90 neuen Kommilitonen zusammen und schauten unserer Zukunft erwartungsvoll entgegen. In Kleingruppen lernten wir zehn Tage lang alles Nötige über das Institut und das Studium kennen. Am ersten Tag beschäftigten wir uns mit Kennenlernspielchen und Mnemotechniken, um unsere Namen zu lernen - „Natascha nascht Nusskuchen“ war der Spruch meiner Tutorin, „Peter pustet Pusteblumen“ der eines allseits beliebten Kommilitonen. Am Ende des EKS stieg die von uns Erstis mitorganisierte Psychofete. Erste Freundschaften waren geschlossen, und die Sorge vor all dem Neuen hatte sich erheblich gelegt.

NR: Für Quereinsteiger, wie ich eine bin, lief alles anders. Da das EKS nur für „geladene Gäste“ bestimmt ist und auch Nebenfachstudierende keine Einladung erhalten hatten, wurde mir z.B. der Zutritt zu diesem Hörsaal am EKS-Tage verwehrt, es wurde ganz klar zwischen der in-group der Diplom-Studierenden und der out-group aller anderer unterschieden.

2. Eindrücke von Heidelberg

Abgesehen davon, dass ich nicht am EKS teilgenommen hatte, kämpften wir im ersten Semester dennoch alle mit den selben Problemen. Die Meisten fingen ja direkt nach dem Abitur mit dem Studium an, und so war das neue, offene System „Uni“ für viele eine Herausforderung: Hierzu zählt z.B. die freie Entscheidung, was und wie viel man pro Semester lernen soll und die Zusammenstellung des eigenen Stundenplans. Diese wunderbare Offenheit entpuppte sich jedoch auch als Nachteil, wenn z.B. in einem für 15 Personen ausgelegtes Seminar 30 Interessierte auftauchten, und man sich nicht sicher sein konnte, ob man ein Referatsthema ergattern würde, das ja zum Bestehen des Kurses notwendig war.

Neben diesen studienbezogenen Herausforderungen war diese Zeit auch durch private Veränderungen geprägt: Viele zogen in das schöne, touristisch erschlossene Heidelberg (was nebenbei bemerkt ein wirkliches Problem sein kann, wenn man etwas knapp für ein Seminar dran ist und nicht an der vor einem schlendernden Horde Japaner vorbei kommt), verließen das „Hotel ‚Mama’“ und mussten neben der Selbstorganisation des Studiums auch die eigenverantwortliche Organisation eines Haushaltes lernen.

Ab der Einschreibung fürs Studium veränderte sich außerdem noch die Reaktion anderer auf uns. Nach der Antwort „Psychologie“ auf die Frage, was man studiere, taten sich sehr unterschiedliche Verhaltenskategorien auf: (1) „die Erschrockenen“:

SG: „Oh mein Gott, jetzt habe ich mich schon 5 Minuten mit Dir unterhalten und Du weißt jetzt alles über mich.“

NR: (2) „die Abwehrenden“:

SG: „Psychologen gehören doch selbst alle in die Klapsmühle.“

NR: (3) „die Hilfesuchenden“:

SG: „Ach Du bist Psychologin! Ein guter Freund von mir hat ein ziemlich großes Problem! Vielleicht kannst Du mir da weiterhelfen?“

3. Statistik und SAS

SG: Eine ganz besondere Erfahrung für uns alle war sicherlich die Statistik. Vielen von uns lagen die methodischen Fächer nicht so sehr, hatten wir uns doch von der Psychologie erträumt, zu erfahren, wie und warum Menschen so handeln und fühlen, wie sie es tun. Stattdessen wurden uns mit einem dicken Methoden-Paket diese Ideen erst einmal aus dem Kopf getrieben. Wir übten uns im Belohnungsaufschub und meisterten mit Hilfe der anschaulichen Geschichten von Hauke und Pauke aus Friesland und der Dualen Code Theorie von Paivio diese schwierigen Fächer. Immer wieder wurde uns gesagt, dass wir Statistik nicht nur während unseres ganzen Studiums sondern für unser ganzes Leben brauchen würden. Für das Studium hat sich dies als richtig erwiesen, für das Leben danach in der Regel jedoch nicht.

Ebenso viel Erfurcht flößte uns in den ersten Semestern das Statistikprogramm SAS ein

NR: „Das müsst ihr so schnell wie möglich lernen, ohne SAS schafft Ihr das Studium nicht!“

SG: schärften uns unsere EKS-Tutoren bereits zu Anfang ein. Und entsprechend voll waren die SAS-Kurse am Universitätsrechenzentrum (URZ). Die SAS Programme waren damals sehr kompliziert. Hier ein Beispiel:

DATA BLUME;
INPUT IRIS BEGONIE AMARYLLIS;
LIST;
CARDS;
	2 1 0 0 2
	3 1 0 0 4;
PROC GLM;
TITLE KELCHBLÜTENBLATTLÄNGE ÜBER KNOSPENDICKE;
MODEL Y = A B A*B
PROC PRINT;
RUN;

(wichtig ist das Semikolon nach RUN!!)

Mit SAS bin ich nie warm geworden, daran konnten auch die schwärmerischen Ausrufe unserer SAS Tutorin Frau Ortseifen nichts ändern:

NR: „SAS ist mächtig!“

SG: - nur Saskia begriff es nicht. Für meine Diplomarbeit wollte ich endlich meine SAS-Kenntnisse verwenden, inzwischen hatte es auch eine ganz benutzerfreundliche Windows-Oberfläche bekommen (für die man keinen langen Kurs braucht). Mein Betreuer bestand aber darauf, dass ich SPSS verwende, weil er SAS nicht kenne. Tja, wäre ich doch statt der drei SAS-Kurse ins Freibad gegangen!

4. Inhaltliche Fächer

NR: Natürlich gab es noch andere Fächer außer den Methoden. Mein Herz hat besonders für die Sozialpsychologie geschlagen. Im Grundstudium wurde hier das sog. Kompaktkurrikulum Sozialpsychologie angeboten, in welchem man sich durch Vorlesung und Übung mit wöchentlichen Hausaufgaben und den Rückmeldungen bereits frühzeitig auf das Vordiplom vorbereiten konnte. Sehr spannende Themen waren Entscheidungsverhalten, Konversationsnormen und Gruppenprozesse. Die Sozialpsychologie hat mich so beeindruckt, dass sie später in meine Diplomarbeit eingeflossen ist.

Aber auch in der Sozialpsychologie geschah etwas, was typisch für unser Fach ist. Es gibt etliche Theorien, die man nur schlecht auf den Alltag übertragen kann. So wurde z.B. mit besonderer Spannung das Thema "Liebe, Attraktion und Partnerschaft" erwartet. Hier strömte die Studentenschaft mit Begeisterung hin, voller Erwartungen, gute, erprobte, psychologisch fundierte und statistisch abgesicherte Hinweise für die nächste Fete erhalten zu können. Und dann lernten wir, dass wir möglichst unseren Angebeteten über eine wacklige Hängebrücke schicken und auf der anderen Seite warten sollten, so dass die physiologische Erregung aufgrund der Angst, von der Bücke abstürzen zu können, fälschlicherweise als Verliebtheit ausgelegt werden würde.

SG: In der Entwicklungspsychologie hat mich die Bindungstheorie von John Bowlby mit ihren vier Bindungstypen der Mutter-und-Kind-Bindung beeindruckt. Der Bindungstypus, den man als Kleinkind zu seiner Mutter hat, bleibt i.d.R. über das Leben stabil, man hat diese Art von Bindung auch zu anderen wichtigen Personen und gibt sie sogar an die eigenen Kinder weiter.

Erhoben werden die Bindungstypen im Fremde Situations Test von Mary Ainsworth, bei dem Kleinkinder sich mit Mutter und Versuchsleiter in einem Raum befinden. Wenn die Mutter aus dem Raum geht, wird das Kleinkind aufgrund seiner Reaktion einem der vier Bindungstypen zugeordnet: Sicher autonom, Unsicher-Vermeidend, Unsicher-Verwickelt und Desorganisiert.

5. Empirisches Praktikum

NR: Das erste Highlight im Studium stellen für mich die empirischen Praktika dar. Hier konnten unserer Phantasie freien Lauf lassen und eigene Hypothesen aufstellen. Diese konnten wir dann anhand der gerade gelernten quantitativen und -in geringerem Masse- auch der qualitativen Methoden überprüfen. Die Ergebnisse unserer Praktikumsarbeit konnten wir auf dem sog. Ex-Praktikumskongress in Form von Posterpräsentationen vorstellen.

Das Beste am empirischen Praktikum war jedoch, dass wir uns endlich den Themen widmen konnten, die uns wirklich interessierten. Und was wäre das wohl?

  • „Was sage ich, wenn ich meine Bananenschale fallen lasse? Rechtfertigungen für umweltschädliches Verhalten in Abhängigkeit von der Erhebungssituation“
  • „Das Frauenbild im deutschen Fernsehen: Mutter Beimer vs. Verona Feldbusch“

    Dies sind Poster der Expraktikums-Kongresse 1998/1999, bei denen die meisten von uns mitgewirkt haben sollten:


    6. Vordiplom

    SG: Und plötzlich war die unbeschwerte Zeit des Grundstudiums vorbei und mit dem Vordiplom wurde es richtig ernst. Nachdem seit dem Abitur einige Jahre zurücklagen, dass wir das letzte Mal mit Noten bewertet worden waren, und wir in mündlichen Prüfungen weitgehend unerfahren waren, hatten wir doch großen Respekt vor den Prüfungen. Die erste Hürde bestand in der individuellen Organisation von Prüfungsterminen und Material in Form von zahllosen Aktenordnern kopierter Literatur. Die Berge von Literatur wollten gelesen, zusammengefasst und auswendig gelernt werden. Nachdem der Beginn meiner Lernphase in die größte Sommerhitze mit 39 Grad fiel und ich allein zu Hause wahnsinnig zu werden drohte, entdeckte ich zum Glück den Lesesaal der Uni-Bibliothek (UB), in dem ich Leidensgenossen vorfand, was mich sehr tröstete. Fortan hielt ich mich von halb 9 bis 22 Uhr dort auf. Unterbrochen waren die Lernstunden von köstlichen Mittagessen in der Mensa (Gemüsemedaillions in Weißweinsauce oder frittiertes Krebsschwanzfleisch) und hochwertigem Marstall-Kaffee, von dem ich recht bald Magenbeschwerden bekam.

    Lustig war es, als wir uns alle auf die Prüfungen in Allgemeiner Psychologie vorbereiteten:

    NR: „Hallo Saskia, was machst du zurzeit?“

    SG: „Ich lerne Lernen! Und du?“

    NR: „Ich? Ich lerne Denken!“

    SG: Von meinem Lieblingsplatz in der UB zogen vor meinem Fenster mit Blick auf den Philosophenweg die Jahreszeiten vorbei, und irgendwann war es Ende Januar und die letzte Prüfung war geschafft, und wir kannten inzwischen die 4 Stadien der kognitiven Entwicklung im Kleinkindalter, die 4 Phasen der motorischen Entwicklung, die 6 Stufen der Entwicklung des Objektbegriffs und die 6 Stadien der Moralentwicklung nach Kohlberg. Wir kannten 3 wichtige Persönlichkeitsmodelle mit dazugehörigen Typen, Traits und spezifischen Reaktionen, 6 Intelligenzmodelle mit Primärfaktoren und spezifischen Faktoren, wir wussten deren Reliabilitätskoeffizienten und Korrelationen untereinander. Wir wussten Bescheid über die Vergessenskurve für sinnlose Silben und den Zerfall von Gedächtnisspuren bei Küchenschaben, wir kannten die Methoden um mittels Futterpille und Elektroschock Ratten zu jedem gewünschten Verhalten zu bewegen ....


    Auch dieser Abschnitt war geschafft und das zu unserem Erstaunen für die meisten mit sehr guten Noten - ein seltsamer Sachverhalt, wo wir Psychologen doch wissen, dass eine solche Skala wenig trennscharf ist!

    7. Hauptstudium

    NR: Nach dem Bestehen des Vor-Diploms kehrten wir zum zweiten Studienabschnitt wieder an die Uni zurück. Das Hauptstudium war insbesondere durch die Orientierung auf einen Schwerpunkt gekennzeichnet. Die Erstsemester-Kohorte verschwamm zunehmend, und Interessengruppen schälten sich heraus, so dass schon bald eine Kategorisierung in „Kliniker“, „Pädagogen“ und „Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologen (ABO´ler)“ entstand. Hierzu zählt auch die Wahl des sog. „nicht-psychologischen Wahlfachs“. Hier konnten wir durch die Wahl von Fächern wie „Psychopathologie“, „Soziologie“ oder „Wirtschaftswissenschaften“ über unseren Tellerrand der Psychologie hinausblicken und Grundlagen in anderen Fächern lernen. - - Während also das Grundstudium für alle -insbesondere durch die diversen Methodenveranstaltungen- relativ gleichgeschaltet verlief, können Saskia und ich jetzt weniger Allgemeingültiges über das Hauptstudium berichten, da sich das für jeden unterschiedlich gestaltet hat. Einheitlich am Hauptstudium war jedoch ein Punkt: die größere Praxisorientierung. In der Klinischen Psychologie sei hier insbesondere auf das Klinische Praktikum hingewiesen, in welchem wir gegenseitig unsere Alltagsprobleme mittels einer „Problem-Verhaltens-Analyse“ bewerteten. Im Bereich Pädagogischer Psychologie und ABO-Psychologie durften wir in Fall- bzw. Projektseminaren konkrete Probleme von externen Einrichtungen lösen.

    Einige nutzten das Hauptstudium für einen Auslandsaufenthalt oder zu einem Studienortwechsel, was zu einer weiteren Vermischung der verschiedenen Anfangsjahrgängen führte und dazu, dass wir, die wir heute hier sitzen, trotz sehr unterschiedlicher Anfangsjahre eines gemeinsam bewältigt haben: die Diplom-Prüfungszeit.

    8. Diplomprüfungen

    SG: Die große Herausforderung im Hauptstudium war die Diplomarbeit, die uns endgültig zu Einzelkämpfern werden ließ und uns schleichend dem Uni-Leben entwöhnte. Eine Erfahrung, die wohl sehr viele von uns machten, war, dass die Arbeit kein Ende nehmen wollte, und dass ehrgeizige Zeitpläne immer wieder verworfen wurden und zerrissen im Müll landeten und sich das Ende immer weiter nach hinten verschob. Durch den am Institut herrschenden Usus, die Arbeit erst anzumelden, wenn man fast fertig ist, wird sie tatsächlich oft zu einem Lebenswerk, und nicht selten werden mehrbändig Diplomarbeiten von bis zu 300 Seiten eingereicht.

    Nachdem eineinhalb Jahre später doch plötzlich der Tag gekommen war, an dem ich in einem vollkommen unspektakulären und unfeierlichen Akt die Diplomarbeit eingereicht hatte, konnten mich die Prüfungen des Hauptstudiums nur noch wenig schrecken. Wieder galt es Spezialthemen, Material und Termine zu organisieren - die Terminvereinbarung erwiesen sich oft als sehr schweres Unterfangen, was dem Anspruch auf kürzere Studienzeiten spottete. Die Prüfungen liegen ähnlich reibungslos und erfolgreich ab wie im Vordiplom. Nur hatte man viele der Kommilitonen nach der zweijährigen Phase von Diplomarbeit und Prüfungen aus den Augen verloren. Und als meine letzte Prüfung vorbei war, und ich immer noch zu Hause saß, über Bewerbungsbüchern und vor dem PC um meinen Lebenslauf zu schreiben, hatte sich vom Lebensgefühl her kaum etwas verändert.

    Deshalb bin ich froh, dass uns diese Diplomfeier die Gelegenheit gibt, das Ende dieses Lebensabschnitts gemeinsam zu feiern.

    Teil 2: Bewertung des Studiums und Blick in die Zukunft mit dem Leitmotiv „Bindung an die Universität“

    Jetzt ist das Studium vorbei, und die Zukunft liegt vor uns. Was kommt jetzt? Hat uns die Uni gut vorbereitet? Was haben wir gelernt?

    1. Ja, wir haben eine Menge gelernt!

    NR: Alleine durch die Tatsache, dass wir unser Studium erfolgreich absolviert haben, haben wir eine Menge gelernt, ohne es vielleicht zu wissen.

    Zum ersten wäre da das selbstgesteuerte, eigenverantwortliche Lernen zu nennen. Während in der Schule ja noch viele Schritte und Teilschritte vorgegeben werden, hatten wir im Studium immer wieder eigene Entscheidungen zu treffen, wie wir vorgehen sollten. Wie gehe ich vor, wenn ich mir ein unbekanntes Thema aneignen möchte, wie besorge ich relevante Literatur, wie hängen die unterschiedlichen Themen zusammen etc. pp.? Diese und ähnliche Fragen musste jede und jeder beim Anfertigen von Hausarbeiten und natürlich auch von der Diplomarbeit lösen.

    SG: Zweitens wurde in den Empirischen Praktika und Projekt- und Fall-Seminaren viel Wert auf Teamarbeit gelegt. Da das heutige Berufsleben zumeist durch Teamarbeit geprägt ist -unabhängig davon, in welchem Bereich man arbeitet- sind die Erfahrungen aus dem Studium beispielsweise wie man gemeinsam Ideen entwickelt, Arbeit austauscht oder das Beachten von Feedbackregeln extrem wertvoll. Die so gelernte soziale Kompetenz ist unersetzlich.

    Drittens wird bei uns im Studium gefordert, Referate vorzutragen. Auch diese Schulung in den sog. Moderations- und Präsentationstechniken sollte für uns alle in Zukunft nützlich sein.

    NR: Wir alle haben unsere eigenen Techniken entwickeln, wie wir Texte quer lesen und uns die Arbeit einteilen und priorisieren, um zu einem bestimmten Termin alles fertig zu haben, wie wir uns auf einen Vortrag vorbereiten, wie wir Teamarbeit gestalten. Bedauerlich ist jedoch, dass wir uns mehr oder weniger alleine durchwurschteln mussten und relativ wenig Unterstützung erhalten haben. Das fängt damit an, dass die Rückmeldungen nach Referaten oder aufgrund von Hausarbeiten in der Regel recht dürftig ausfallen. Anstatt sich mit irgendwelcher Techniken durchzuschlagen, wäre es sinnvoll die effektiven anzuwenden. Denn, gerade in einer Zeit, in der sich das Faktenwissen recht schnell erneuert und überholt, wäre es sehr wünschenswert, neben dem psychologischen Basiswissen auch eine Reihe guter Lerntechniken an die Studierenden weiterzugeben. Schade ist auch, dass Elemente wie Gruppenarbeit zumeist eher zufällig stattfinden, und jeder hier auch die Möglichkeit hatte, sich als Einzelkämpfer durchs Studium zu schlagen. Insbesondere bei der Diplomarbeit werden noch immer Gruppenleistungen eher schwierig anerkannt.

    SG: Außerdem haben wir einen besonderen psychologischer Blickwinkel und eine spezielle Herangehensweise an unsere Themen gewonnen: ein Denken, das ich „empirisch“ nennen möchte: Im Wissen um kognitive Biases, Wahrnehmungstäuschungen und den statistischen Zufallsfehler betrachtet der Psychologe im Alltag verbreitete Laientheorien nicht als die Wahrheit, sondern als Hypothesen, deren Inhalt erst mithilfe von Versuchsplanung und statistischen Auswertungsmethoden überprüft werden müssen . Hierbei sind multivariate Zusammenhänge und Interaktionen zu beachten.

    NR: Des weiteren liegt das Fach Psychologie auf der Grenze zu einer Vielzahl anderer Fächer: im Bereich der Erkenntnisgewinnung streift es philosophische Themen, in der Allgemeinen Psychologie werden Bereiche der Linguistik und Sprachwissenschaften angetastet, es gibt einen biologischen, mathematisch/statistischen, soziologischen Bereich und so weiter. Alle Bereiche, die mit Menschen zu tun haben, sind von Hause aus ein Bereich für die Psychologie. Ich denke, dass dies ein Vorteil der Psychologie ist, denn wir konnten erstens somit in viele andere Disziplinen Einblick gewinnen, und zweitens indem sich die Psychologie immer auch von anderen Fachrichtungen inspirieren lassen hat.

    2. Bowlby Bindungstypen - witzig

    SG: Das Studium hat uns also einiges mitgegeben. Jetzt ist die Zeit gekommen, da wir heraustreten aus dem geschützten Bereich der Uni und die ersten Schritte in das richtige Leben wagen. Nach meinen bisherigen Versuchen, eine Arbeit zu finden, erscheint mir die Unizeit als eine paradiesisch einfache und schöne Zeit. Was bedeutet uns nun die Uni für unsere Zukunft? Wie steht es um unsere Bindung zu ihr? Wie ergeht es uns, wenn wir uns von unserer Alma Mater fortbewegen müssen? Welcher Bindungstypus passt zu uns?

    Sind wir sicher autonom gebunden, so dass wir uns lebhafte Erinnerungen an gute und schlechte Aspekte unserer Unizeit haben, dass wir das nötige Fundament von ihr bekommen haben, um nun allein die ersten Schritte in die große weite Welt zu tun? Wissen wir, dass wir wieder zu unserer Uni zurückkommen können, wenn wir von ihr Hilfe brauchen, aber vertrauen darauf, dass wir das Leben danach schon meistern werden?

    NR: Oder sind wir unsicher-distanziert gebunden, haben uns an der Uni nie richtig wohl gefühlt und verdrängen die Erinnerung an sie, sind froh, dass endlich alles vorbei ist? Vermeiden den Kontakt, Behaupten, dass dir Uni für uns nie wichtig war?

    SG: Oder sind wir etwa unsicher- verwickelt gebunden? Befinden uns in übertriebener emotionaler Verwicklung mit unserer Uni, können uns nicht vorstellen, außerhalb von ihr zu leben, fühlen uns Abhängig von ihrer andauernden Fürsorge?

    3. Bindung - ernsthaft

    NR: Die Frage ist noch immer: Wie könnte unsere ganz persönliche Bindung mit der Uni und natürlich auch untereinander in Zukunft aussehen? Selbstverständlich haben sich während der Studienzeit persönliche Freundschaften gebildet, welche sicher auch nach der letzten Prüfung noch weiter Bestand haben werden. Dennoch verlieren sich viele mit der Zeit aus den Augen, obwohl sie in den Jahren zuvor fast täglich miteinander zu tun hatten. Diese Entwicklung finden Saskia und ich sehr schade.

    SG: Ob wir es eingestehen oder nicht, so hat uns die Uni Heidelberg sicher geprägt; und auch wenn Einiges zu verbessern gewesen wäre, fänden wir es schade, wenn wir einfach von der Uni gingen, frei nach dem Motto "Uns betrifft es ja nicht mehr".

    NR: Diejenigen unter Euch, die sich also noch mehr Praxisbindung und individuelle Förderung gewünscht hätten, können vom Berufsleben aus gleich wieder an die Uni zurück kommen, um eben dies selbst in die Hand zu nehmen. Wie könnte das konkret aussehen? Wir geben den Studenten nach uns etwas: z.B. Einblicke in die Praxis oder Laufbahnberatung. Wir können Praxisvorträge und Workshops geben, Praktikumsplätze an der Uni aushängen, Diplomarbeiten in unserer Firma oder Praxis anbieten, wir selbst können Mentoren werden. Somit können wir aktiv unsere Uni verbessern. Wir auf der anderen Seite erhalten auch etwas im Gegenzug. So halten wir Kontakt zu den neuen theoretischen Entwicklungen, wenn Themen aus unserem Arbeitsleben durch Diplomarbeiten bearbeitet werden.

    SG: Auch untereinander können wir einander helfen. Durch den Austausch von Adressen, das Nutzen von Kommunikationsplattformen im Internet, Jahrgangstreffen und den Alumni-Verein können wir untereinander vernetzt bleiben und gegenseitig auf Kompetenzen zurückgreifen. Jeder kommt einmal an einen Punkt, wo sie oder er nicht Experte ist. Aber vielleicht gibt es ja jemanden aus der Studienzeit, mit dem man locker Kontakt aufnehmen könnte?

    NR: Es dürfte also ganz klar sein: Ja, wir sollten mit der Uni verbunden bleiben, es ist gut, in ein Netzwerk eingebunden zu sein, dem ich etwas geben kann und das mir etwas gibt. Unser Netzwerk kann jedoch nur wirklich funktionieren, wenn wir möglichst viele Verknüpfungen schaffen, wenn wir uns untereinander verlinken. Die Plattform hierfür bietet der Alumni-Verein (von dem wir im übrigen nicht gebeten worden sind, diese Worte zu sagen). Auch wenn ich hier vor so vielen Personen spreche, hoffe ich, dass keine Verantwortungsdiffusion stattfindet, sondern dass sich jede und jeder einzelne hier seiner Verantwortung unserer Alma Mater gegenüber stellt und ein Knotenpunkt unseres Netzwerkes wird.


    Hiermit sind wir am Ende unseres Beitrags angelangt. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und weiterhin einen heiteren Abend.


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