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Rede der AbsolventInnen auf der Diplomfeier am 17.01.2003 am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg

von Robert Hippin und Hanna Wallis

RH:

Zunächst möchten wir uns kurz vorstellen, neben mir steht Hanna Wallis (HW) und ich bin Robert Hippin (RH). Wir stehen stellvertretend heute Abend hier für die diesjährigen Absolventen und Absolventinnen.

Zu Beginn möchten wir beide Sie recht herzlich begrüßen. Liebe Diplomandinnen und Diplomanden, deren Freunde und Freundinnen, Mütter und Väter, Verwandte und -innen, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Instituts und natürlich die Herren Professoren.

 

HW:

Äh, Moment mal Robert, hast du da nicht jemand vergessen (Zeigt auf Frau Prof. Pauen)

 

RH:

Ja richtig! Es gibt ja mittlerweile eine Professorin am Institut!!! Da hat sich ja wirklich etwas verändert. Und da sind wir schon beim Thema unserer heutigen kleinen Rede angelangt: Veränderungen. Doch dazu später mehr...

Zunächst einmal möchten wir uns herzlich bedanken - bedanken dafür heute Abend überhaupt hier stehen zu können. Danke dafür, dass es am Institut diese schöne Einrichtung namens Diplomfeier gibt.

 

HW:

Doch zunächst vielleicht ein paar einleitende Worte dazu, wie es überhaupt kommt, dass wir beide heute hier vorne stehen und die Ehre haben, im Namen der Absolventen des Jahres 2002 zu sprechen.

Die Geschichte hierzu ist so schön, dass ich sie ihnen keinesfalls vorenthalten möchte. Außerdem kann ich dann gleich einer von Prof. Klaus Fiedler geschürten Erwartung gerecht werden. Der nämlich kündigte in einer hausinternen Mail diese unsere Rede als „lustige Anekdotenschilderung aus der Studienzeit“ an. Hier also eine erste Anekdote:

 

Kurz vor Weihnachten kam ich eines Abends von der Arbeit und erhielt einen Anruf von Herrn Professor Fiedler. Ich fragte mich verunsichert und verwundert: „Was soll das bedeuten?“.

Woher hatte er meine neue Nummer; war ich doch nach meinem Diplom umgezogen und hatte das am Institut nicht gemeldet...? Es schien dringend zu sein.

Ich also in großer Verwirrung, die zunächst durch seine Worte nicht kleiner wurde, er sagte nämlich:

 

RH:

„Also, Frau Wallis, äh... es ist mir sehr unangenehm, dass ich derjenige bin, ähm, der aufgrund seiner Zuständigkeiten am Institut diesen unerfreulichen Anruf bei ihnen tätigen muss... ähm... also...“

 

HW:

Ich erstarrte. Panik stieg in mir auf. Was hatte er mir mitzuteilen? War festgestellt worden, dass meine Diplomarbeit doch nicht anerkannt werden würde? Waren meine Noten unwiderruflich verschwunden, vernichtet, mein Diplom damit null und nichtig? Würde Herr Fiedler gleich von mir fordern, dass ich die Prüfungen noch einmal zu absolvieren haben würde, sollte ich mich weiterhin Diplompsychologin nennen wollen...?

Was ich so oft in den Nächten der ersten Wochen nach meiner letzten Prüfung geträumt hatte, schien wahr zu werden...

Sie kennen vielleicht diese Momente, in denen man das Gefühl hat, das ganze Diplom zöge in Bruchteilen von Sekunden, im Zeitraffer an einem vorbei, die Erde bebe, ein schwarzes Loch tue sich unter einem auf oder alles zusammen.

So in etwa fühlte ich mich in diesem Moment.

Und währenddessen sprach es am anderen Ende der Leitung weiter:

 

RH:

„Ähm... also Entschuldigung im Voraus für diesen schlimmen Überfall am Feierabend... wie gesagt, sehr unangenehm ist mir das...“

 

HW:

Und so weiter.

Doch: Keine Anekdote ohne Pointe. Die Pointe habe ich ja quasi vorhin schon vorweg genommen, sie können es sich bereits denken, was jetzt kommen wird. Das Anliegen von Professor Fiedler war nämlich lediglich, jemanden für diese Absolventenrede zu verpflichten. Und von der unendlichen Bürde, das Diplom noch einmal wiederholen zu müssen, befreit, sagte ich leichten und klopfenden Herzens und mit Knien, die immer noch zitterten: „Ja!“.

 

Dies nur nebenbei: Möglicherweise war das eine geniale sozialpsychologische Intervention, der ich da zum Opfer fiel: Das Gegenüber zunächst in einen Zustand großer Erleichterung, Zuversicht und Entspanntheit zu versetzen, um dann eine positive Antwort zu erzielen...

So stehe ich also heute hier mit meinem ehemaligen Kommilitonen Robert, der, als ich anfing zu studieren, EKS-Tutor für den Jahrgang 1995 war und mit dem ich unzählige Stunden in irgendwelchen Wohnküchen saß und auf Diplomprüfungen gelernt habe.

Seit dem Tag dieser Zusage ist immer und immer wieder vor unseren inneren Augen unsere Studienzeit abgelaufen, haben wir viele Ideen und Überlegungen hin und her gewälzt, was denn ein angebrachtes und v.a. interessantes Thema - mal abgesehen von Anekdoten - für diesen Abend sein könnte.

Immer wieder blieben unsere Gedanken an einer Frage hängen, und das ist eigentlich auch das, worüber wir heute sprechen wollen, nämlich:

„Was hat sich eigentlich verändert in dieser Zeit des Studiums?“ und zwar in den verschiedensten Bereichen.

 

RH:

Veränderungen, oder wie der ABO-Psychologe sagen würde „Change“, kennen sie alle: Change-Management, Change-Leader, Change-Agent, überhaupt Change, kennen sie doch, oder?.

Also, Veränderungen..., einige, subjektiv gefärbte, plakativ herausgegriffen, bei uns, im Laufe des Studiums, in den Reaktionen anderer auf uns, am Institut etc. Einige davon wollen wir ihnen nun berichten...

 

Eine der ersten Veränderungen am Institut, die ich selbst durchlaufen habe, ist folgende:

 

Ich kam schon mit etwas „naiven“ Vorstellungen an die Universität. Da sind ja lauter Psychologen, dachte ich, also irgendwie muss es da doch anders sein, wenn man dieses Fach studiert, verglichen mit anderen Fächern. Also die haben ja schon eine Menge Erkenntnisse zusammengetragen, z.B. über die Aufmerksamkeitsfähigkeit, Ziffernspanne, Arten zu Lernen, wie Unterricht strukturiert sein muss, um optimale Lernerfolge hervorbringen zu können usw. Und? In der Praxis? Eineinhalbstündige Monologe! Dauerberieselung, statt praktische Übungen z.B. in der Statistik: ein Vortrag über unterschiedliche Variablendefinitionen! Also, kam schnell die Erkenntnis: nichts ist anders, das Studium läuft genauso ab wie in anderen Fächern auch. Glücklicherweise waren jedoch die Menschen am Institut auch nicht anders als anderswo und bei all den Vorurteilen PsychologInnen gegenüber, die man ja schon gehört hatte, war das dann doch eine sehr willkommene Erkenntnis.

 

HW:

Ich kann mich daran erinnern, dass sich im Verlauf der Studienjahre meine Stimmung ganz entscheidend verändert hat, und zwar meine Stimmung in Bezug auf meine berufliche Zukunft. War ich anfänglich euphorisch und voller Wissensdurst von der Schule an die Universität gekommen mit dem Gefühl, die Welt stehe mir offen und ich könne mich nun endlich dem widmen, was mich wirklich interessiere, war ich berauscht von den unzähligen und vielfältigen Tätigkeitsfeldern für Psychologen, die mir meine Recherche beim BIZ aufgezeigt hatte, so folgte eine Phase der depressiven Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit. Denn eigentlich wusste ich von Anfang an wie viele meiner Kommilitonen, dass mein Herz insbesondere für die Klinische Psychologie schlug. Vorlesung für Vorlesung und Seminar für Seminar musste ich mir mit erstaunlicher Konstanz v.a. eines anhören: Unkenrufe bzgl. der Zukunftsaussichten insbesondere klinischer Psychologen, drohende Arbeitslosigkeit und das ständige dringende Anraten, A&O-Psychologe zu werden.

Und so folgte meiner anfänglichen Hochstimmung eine Zeit tiefer Niedergeschlagenheit, massiven Sinnlosigkeitserlebens und großer Besorgnis.

Wie um Himmels willen sollte ich es anstellen, ein Plätzchen unter der Theodor-Heuss-Brücke zu ergattern, würde es da doch laut Prognosen unserer Professoren - und die mussten es ja wissen, sind ja schließlich Professoren - in ein paar Jahren nur so von klinischen Psychologen wimmeln...

 

Heute, da ich das Diplom habe, die Stellenanzeigen der Zeitungen wenn sie Psychologenstellen aufweisen, v.a. klinische Stellen enthalten, ich eigentlich niemanden meiner klinischen Mitstreiter kenne, der ohne Arbeit geblieben ist, dagegen aber zahlreiche A&O-Psychologen, die angesichts der wirtschaftlichen Lage und des vielerorts üblichen Einstellungsstopps nicht mehr so rosig zu vermitteln sind wie angekündigt, frage ich mich: „Was war das? Warum diese Panikmache? Warum diese ständigen niederschmetternden, entmutigenden  Kommentare? Wozu?“

 

RH:

Unter den vielen Veränderungen am Institut, die mir aufgefallen sind, gibt es drei, auf die ich im besonderen eingehen möchte. Ich nenne sie mal drei kleine Ketzereien wider den Zeitgeist am Institut. Zeitgeist, sie wissen ja, der der gerade überall zu beobachten ist: immer schneller, effizienter, alles nur noch aus ökonomischer Perspektive betrachten und dabei auch noch verkürzt aus rein betriebswirtschaftlicher Sichtweise.

 

Die erste Ketzerei handelt von der Abschaffung der Umweltpsychologie am Institut. Mittlerweile vor über 30 Jahren haben Meadows und Meadows das wegweisende Buch „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht. In unserer heutigen Zeit, die von einer wirtschaftlichen Krise gekennzeichnet ist und in der es nur noch um Wachstum, Effizienz und die Belange von Unternehmen geht - vordergründig um Arbeitsplätze zu schaffen - sind Ressourcenbegrenztheit, Umweltschutz und -bewahrung ein kaum noch diskutiertes Thema. Umso bedauerlicher finde ich es, dass auch hier am Institut nun ein Fach aufgegeben wird, welches sich mit eben diesen Themen beschäftigt hat, so z.B. mit der Lücke zwischen technischem Umweltschutz - bzw. seinem Versagen aufgrund menschlicher „Fehler“ - und den menschlichen Anwendern. Oder das Modelle und Theorien erarbeitet hat, z.B. zum Zusammenhang von Umweltschutzeinstellungen und Umweltschutzverhalten und wie letzteres gesteigert werden könnte. Wie man sieht ein äußerst nützliches Fach, gerade auch langfristig gesehen, wo Ressourcenknappheit und Umweltprobleme ohne jeden Zweifel uns alle wesentlich mehr betreffen werden als heute. Dieses Fach aufgrund kurzfristiger Überlegungen, sei es aus Kostengründen, weil Vertreter des Faches andere Aufgaben übernommen haben oder warum auch immer, einfach abzuschaffen, halte ich für eine äußerst verfehlte Politik. Zukünftigen Studierenden geht so ein interessantes Fach mit zukunftsträchtigen Ansätzen verloren und der Welt letztlich Psychologen und Psychologinnen, die zur Lösung zukünftiger Probleme Fachwissen in diesem Bereich beitragen könnten.

 

Kommen wir zur zweiten kleinen Ketzerei, die sich gegen die am Institut für Nebenfachstudierende eingeführten Auswahlverfahren richtet. Das klingt ja zuerst mal ganz nett. Die Uni darf ihre Studierenden selber auswählen, keine ferne Bürokratie entscheidet, sondern hier vor Ort wird entschieden, wo ja doch die größte Fachkompetenz vermutet wird, bezüglich dessen was man als Psychologiestudierender mitbringen muss. Aber nach welchen Kriterien wird denn nun ausgewählt? Was macht denn eigentlich einen guten Psychologiestudierenden aus bzw. einen guten NEBENFACHPSYCHOLOGIESTUDIERENDEN?! Also Menschen, die später einmal als Germanisten, Geologen, Erziehungswissenschaftler, Anglisten, Geschichtswissenschaftler etc. arbeiten werden, je nachdem welche Fächer sie im Hauptfach belegt haben. Bereits jetzt wird der ganze Unsinn dieses Auswahlverfahrens deutlich. Bestätigt wird dies durch die Übernahme des „nebenfachpsychologiespezifischen“ Auswahlverfahrens durch andere Fächer, z.B. Jura, wo nun auf ähnliche Art und Weise Studierende zugelassen werden sollen.

Also, wenn wir nun nicht wissen was gute Psychologiestudierende ausmacht bzw. noch viel wichtiger, was nach ihrem Studium im Beruf erfolgreiche PsychologInnen auszeichnet, wie wollen wir sie dann auswählen? Wozu ist dann das ganze Verfahren überhaupt nötig, die Betroffenen sind nicht glücklich darüber, die Mehrarbeit der DozentInnen ist groß und wird bei einer Ausweitung dieses Verfahrens noch viel größer, alles in allem ist der Aufwand verglichen mit früher immens gestiegen - Wozu?

An dieser Stelle wage ich einmal eine kleine Prognose. In zehn Jahren, wenn viele Fächer mit Auswahlverfahren beglückt sind, werden sich die meisten Betroffenen - angehende Studierende und DozentInnen - sehnlichst die Wiedererrichtung einer Zentralstelle wünschen, die ihnen zum einen die Arbeit abnimmt und dies zudem noch viel rationeller und unkomplizierter bewerkstelligt und zum anderen die Kosten für das Verfahren deutlich senken wird.

 

Die dritte Veränderung am Institut, die so finde ich am deutlichsten bemerkbar ist, betrifft die veränderte Stimmung unter den Studierenden bzw. generell am Institut. Zu Beginn meines Studiums war es noch üblich sich zu engagieren, einen Beitrag zu leisten, z.B. in der Fachschaft, bei den „Kritischen Tagen“, gegen Studiengebühren etc. Zudem war der „Blick über den Tellerrand“, also in andere Fächer noch angesagt. Lieber etwas länger studieren, aber dafür auch mehr mitnehmen und mehr selber einbringen. Studieren als Lebensabschnitt, StudentIn sein als Lebenshaltung. Im Laufe der Zeit und heute durch die neue Prüfungsordnung noch verstärkt, hat sich dies wie mir scheint grundlegend gewandelt. Schneller studieren. Nur noch die nötigsten Scheine machen, dann schnell die erste Prüfung und schon ist das Fach „abgehakt“. Die Diplomarbeit im fünften Semester beginnen, parallel zum Studium. Engagieren wozu? Nützt mir doch nichts, hält doch nur mein Studium auf. Andere Fächer ebenfalls belegen? Wann denn, dafür bleibt doch überhaupt keine Zeit. Der Druck auf die Studierenden wächst, alles möglichst schnell zu machen und fertig zu werden, dass daraus ein „Schmalspurstudium“ resultiert, braucht niemanden zu wundern, dass von den heutigen Erstsemestern niemand, also wirklich überhaupt niemand bereit ist sich in der Fachschaft zu engagieren, gab es vorher auch noch nie.

Wo führt das alles hin? Etwa zu einer höheren Qualität des Studiums und der AbsolventInnen? Gerade die Qualität ist es, die wie mir scheint, völlig aus dem Blickwinkel geraten ist. Doch gerade eine hohe Qualität der AbsolventInnen sollte doch das Ziel aller Reformbemühungen des Studiums sein. Eine auf Qualitätssteigerung ausgerichtete Reform des Studiums, z.B. auch durch „Entschlackung“ der Studieninhalte, mehr praktische Auseinandersetzung mit den Themen oder gar einer besseren Didaktik, würde meines Erachtens von ganz alleine auch - aber eben nicht nur - zu einer verkürzten Studiendauer führen.

 

HW:

Was sich auch zunehmend veränderte, war unsere Fähigkeit, Kritik zu üben. Die ersten Semester machten wir eigentlich nichts anderes, als permanent irgendwelche Studien und Theorien zu hinterfragen, in der Luft zu zerfetzen, in den Boden zu stampfen. Immer ging es darum, was schlecht daran war, was man auch anders sehen und interpretieren, differenzierter erklären könnte, besser beforschen könnte. Das war zunächst nichts Schlechtes an sich, aber irgendwann verselbstständigte sich dieses Verhalten, wie es mein Eindruck war, wurde die Haltung „überkritisch“. Auch entwickelte sich eine massive Selbstkritik, ein allgemeines Infragestellen der Inhalte unseres Faches und seiner Daseinsberechtigung. Die allermeisten von uns hatten tiefe Krisen, fragten sich, was sie da überhaupt studierten, ob sie überhaupt etwas lernten, nichts Handfestes war das alles, alles so vage.

 

Oft habe ich den Eindruck, dass Psychologen, verglichen mit anderen Berufsgruppen, wenig fachliches Selbstbewusstsein haben, wenig entschieden auftreten und v.a. ihre Interessen wenig entschieden vertreten, sich weniger gut „verkaufen“. Ich frage mich bisweilen, ob dies etwas mit dieser vorsichtigen, differenzierten, überkritischen Haltung, die wir lernen, zu tun hat. Und ich wünsche mir für die Zukunft Psychologen, die selbstbewusster, stärker und überzeugter davon, dass sie einiges wissen und können, und einiges besser als andere können, auftreten.

 

Doch lassen Sie uns zu einem weiteren Punkt kommen:

Was sich auf drastische Art und Weise veränderte, waren die Verhaltens- und Reaktionsweisen unseres Umfelds auf uns. Gesichter von Menschen, die mir zuvor freundlich gesonnen waren, verzerrten sich plötzlich zu angsterfüllten Fratzen, wenn ich mich in der Wahl meines Studienfachs offenbarte. Man wendete sich angewidert ab.

 

RH:

 „Da muss ich ja jetzt aufpassen, was ich sage!“

 

HW:

Und

 

RH:

 „Du analysierst jetzt bestimmt alles, was ich sage, oder?“

 

HW:

sind wahrscheinlich die Sätze, die jemand, wenn er, so wie wir hier, das Psychologie-Diplom in der Tasche hat, am häufigsten auf gesellschaftlichen Zusammenkünften jedweder Art zu hören bekommen hat. Dicht gefolgt übrigens - dies nur am Rande - von der freundlichen Aussage:

 

RH:

„Ah, Du studierst Psychologie? Sag mal, die, die das studieren, `ham doch alle selber einen an der Klatsche und studieren das bloß, weil sie nicht mit ihren eigenen Problemen fertig werden...!“

 

HW:

Und während also eine Gruppe von Mitmenschen uns plötzlich für schauderlich, angsteinflößend, abartig hielt, gab es eine andere, für die der Begriff „Psychologie“ anscheinend ein Schlüsselreiz für überbordendes Vertrauen und grenzenlose Selbstoffenbarung zu sein scheint. So erinnere ich mich an unzählige bizarre Szenen, die sich in den letzten Jahren abgespielt haben:

Z.B. zog mich meine Chefin, die von mir bis dato nicht mehr wusste, als dass ich Psychologie studierte, im Rahmen eines Ferienjobs zur Seite und berichtete mir vertraulich von der Drogensucht ihres Freundes und dass sie damit nicht klar käme.

Bei einer Freundin ergab sich, ebenfalls im Rahmen eines Ferienjobs, eine nicht minder bizarre Szene am Fließband einer Fabrik, als ein Zuarbeiter sie bat:

 

RH:

 „Sie sinn doch Psychologin, oder? Könne se mer helfe? Isch hann do a Probläm. - Isch schlaag nämlisch mee Frau!“

 

HW:

Und ich erinnere auch noch, wie in einer Disko der mir bis dato unbekannte Freund eines flüchtigen Bekannten auf mich zustob, mich erwartungsvoll anblickte und rief:

 

RH:

„Was? Du bist Psychologin? Kannst Du eine Psychoanalyse von mir erstellen?“

 

HW:

Manchmal war ich selber erschrocken davon, wie viel Erwartungen und Vorstellungen für einige Mitmenschen mit unserem Berufsstand verknüpft zu sein scheinen.

Wie also sich auf solche interaktionellen Herausforderungen hin verhalten? fragte ich mich oft. Wieder etwas, auf das uns das Hochschulstudium nicht vorbereitet hat und keine eindeutigen Antworten liefert.

 

RH:

Eine der erstaunlichsten Veränderungen am Institut im Laufe unseres Studiums hat sich jedoch in der Institutsbibliothek zugetragen. Also früher, wenn ich da ein Buch ausleihen wollte, musste ich einen Zettel mit verschieden farbigen Durchschlägen ausfüllen, sie wissen schon rot, gelb, grün , blau etc. Auf diesen Zettel kam dann der Name, Anschrift, Buchtitel, Name des Autors, Signatur, Ausleihdatum, Datum des Fristendes für die Ausleihe, sexuelle Vorlieben des Ausleihers usw. usf. Sie merken schon, bei 10 Büchern kann sich das ganz schön summieren. Diese Zettel wurden dann von der Bibliothekarin in vier verschiedene Zettelkästen sortiert und dann konnte ich endlich die Bücher mitnehmen. Heute hingegen - im Zeitalter des Internet, alles ganz anders, also heute, wenn ich heute ein Buch ausleihen will - ich habe das neulich erst noch einmal ausprobiert - dann nehme ich mir mein Buch und fülle diese Zettel aus, sie wissen schon, da kommt dann Name, Anschrift, Datum der Ausleihe, Leihfristende, Autor, Titel des Buches, Signatur, sexuelle Vorlieben des Entleihers etc. drauf und gebe diesen der Bibliothekarin, die dann die vielen farbigen Durchschläge auf mehrere Zettelkästen verteilt und dann, ja dann darf ich mein Buch endlich mitnehmen.

Auch andere Dinge hier am Institut sind von geradezu erstaunlicher Konstanz. So ergab eine kleine von uns durchgeführte empirische Untersuchung unter den AbsolventInnen bezüglich der Frisuren-Veränderungen bei MitarbeiterInnen und - bei männlichen Institutsmitgliedern - Barttrachten eine geradezu unglaubliche Konstanz. 98,5% der Befragten waren der Meinung im Laufe ihres Studiums hätte sich diesbezüglich überhaupt nichts verändert. Also das heißt, alle MitarbeiterInnen haben immer noch die gleichen Frisuren bzw. Barttrachten wie zu Beginn ihres Studiums. Ob diese Ergebnisse den Tatsachen entsprechen oder aufgrund kollektiver Gedächtnisverzerrungen zustande gekommen sind, bleibt jedoch unklar, eine abschließende Prüfung der Daten steht noch aus.

Bei all diesen Konstanzen und der großen Veränderungsresistenz die hier offensichtlich zu Tage tritt, soll jedoch eine in der Tat große Veränderung nicht verschwiegen werden. Während früher auf Psychofeten unter Mühen und nicht immer „high fidelity“ mittels zweier Apparaturen zum Abspielen von schwarzen Vinylscheiben von Studierenden Musik gemacht wurde, kommt die Musik heute per Mausklick aus dem Laptop von DJ Funk. „Fank oder Funk“ hier scheiden sich die Geister, Herr Funke können sie uns bei der korrekten Aussprache behilflich sein?

 

(Prof Funke unter Lachen:) „Fank“

 

HW:

Was uns wichtig war zu zeigen und durch subjektive Erinnerungen und Gedanken zu unterlegen, ist, dass sich in diesen Jahren des Studiums und durch das Studium auf verschiedensten Ebenen viel verändert hat.

 

Und weil wir auch gelernt haben - noch eine Veränderung am Ende - dass jede Diplomarbeit durch einen saftigen Aphorismus angereichert und jede Rede durch ein knackiges und mehr oder weniger in den Gesamtzusammenhang passendes Zitat am Ende den letzten Schliff erhält, soll auch dies hier nicht fehlen.

 

Wir waren also auf der Suche nach einem Zitat einer Person, die diese selbstbewusste Haltung verdeutlichen könnte, die wir den Psychologen für die Zukunft in ihrer Interessenvertretung wünschen.

Natürlich dachten wir da sofort an einen Kollegen, der derzeit mit seinem Buch „Nichts als die Wahrheit“ für Diskussionen und Furore sorgt.

Umso überraschter waren wir bei Sichtung der Materie, dass seine Worte aber weniger Ausdruck dieses selbstbewussten Stils, als vielmehr eine Untermauerung dafür sind, dass man auch mit der vorhin beschriebenen selbstkritischen Haltung sehr erfolgreich im Leben sein kann.

 

RH:

Originalton Dieter Bohlen: „Die Leute denken ja immer, ich finde die Lieder von mir klasse. Aber ich bin der Einzige der sie eigentlich wirklich nie gut findet.“

 

HW u. RH:

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit und weiterhin noch einen angenehmen Abend.


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