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Rede anlässlich der Abschlussfeier zum Dipl.-Psych. am Psychologischen Institut, Heidelberg, 15.12.2000

Liebe Absolventinnen und Absolventen, liebe Gäste, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Psychologischen Institutes.

Wie Prof. Amelang bereits ausgeführt hat, gehören wir, die diesjährigen AbsolventInnen, zu einer Kohorte, die z.T unter strukturell schwierigen Bedingungen an diesem Institut studiert hat. Ich bin gebeten worden, rückblickende Bemerkungen zu meiner Studienzeit zu machen. Nun, dabei handelt es sich um retrospetive Betrachtungen und wie uns allen aus der Gedächtnispsychologie bekannt ist, können dabei Verfälschungstendenzen dergestalt auftreten, dass weniger schöne Dinge eher vergessen und vergangene Zeiten eher durch eine Art rosa Brille gesehen werden. Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, habe ich versucht mir möglichst konkrete Situationen ins Gedächtnis zu rufen. Diese möchte ich Ihnen nun ähnlich einer Zeitreise mitteilen.

Die erste Erinnerung habe ich an das Erstsemesterkompaktseminar im WS 94/95. Am ersten Tag des Studiums wurden die ca. 90 neuen Studentinnen und Studenten in kleine Gruppen aufgeteilt, eine Woche lang von Tutorinnen und Tutoren betreut und in das Psychologische Institut, die Bibliotek und Studiermethoden eingeführt. Dieses Seminar unter der damaligen Leitung von Fr. Schmidt-Rathjens und Fr. Christmann war wirklich ein voller Erfolg, es gab mir als Studienanfängerin das Gefühl, hier wirklich erwünscht zu sein. Die Befürchtung, in der grossen Masse von Studenten unterzugehen, wurden dagegen völlig zerschlagen. Leider hielt dieses Gefühl nicht so arg lange an.

Meine nächste konkrete Erinnerung liegt zu Beginn des 2. Semesters. Ich saß mit ca. 50 weiteren Studierenden im ÜRB. Als die Dozentin kam, versicherte sie sich erst, dass sie im richtigen Raum war und begann dann, uns zu erklären, dass es sich um ein Seminar und nicht um eine Vorlesung handele. Daraufhin forderte sie die MagisterstudentInnen, sowie die Erst-und Zweitsemester auf, das Seminar zu verlassen. Wenngleich dies aus Dozentinnenseite nachvollziehbar ist, so blieb bei den StudentInnen doch das Gefühl, hier nicht sonderlich erwünscht zu sein. Eingebettet in die damalige Gesamtsituation an diesem Institut wird die studentische Sicht vielleicht besser nachvollziehbar: Der Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie war damals verwaist und mit Ausnahme der Sozialpsychologie, in der umfassende Lehrtätigkeit anboten wurde, war das Lehrangebot doch recht überschaubar. Deshalb traf es uns, dass diese interessante Veranstaltung nur für die Viertsemester zugänglich sein sollte.

Als nächstes eine Situation aus dem dritten Semster: Stellen Sie sich Hörsaal 1 im Vordergebäude vor: Sie sehen lichte Reihen, obwohl es sich um eine scheinpflichtige Veranstaltung handelt. Vorn steht nicht etwa ein Dozent, stattdessen lauschen die Studierenden einem Audioband, auf das der Dozent seine Lehrveranstaltung wegen einer Erkrankung aufgesprochen hatte.

In meiner Zeitreise kommt jetzt die Vordiplomszeit, an die ich überwiegend positive Erinnerungen habe. Zum Beispiel die Prüfung Methodenlehre bei Herrn Werner, in der ich die Sinnhaftigkeit von Axiomen verstand; oder Biopsychologie bei Herrn Ahrens, bei der das Schwierigste vielleicht darin bestand, den Prüfer zu finden. Für die, die Herrn Ahrens nicht kennen: er ist Pfeifenraucher und die Sicht in seinem Zimmer ließ dichten Nebel vermuten. Ich erinnere mich aber auch an Wartezeiten und zahlreiche Diskussionen zum Thema Prüfungsterminvergabe auf Fluren vor Dozentenzimmern. Ähnliche Szenen begegneten mir dann auch wieder im Hauptdiplom und ich habe mich wohl nicht alleine gefragt, ob es nicht möglich sei, eine zentrale Stelle mit der Verwaltung der Prüfungstermine aller Prüfer zu beauftragen, wenngleich das für diese Person natürlich einen größeren organisatorischen Aufwand bedeuten würde.

Bei der folgenden Erinnerung mag es sich um einen unglücklichen Zufall halten, den ich herausgreifen möchte um aufzuzeigen, dass die Belange von Studierenden nicht immer den Stellenwert haben, den sie vielleicht haben könnten. Nach dem Vordiplom wollte ich ein Semester im Ausland studieren, dazu hatte sich ein Dozent nach Rücksprache bereit erklärt, ein Gutachten zu verfassen und meine Bewerbung an die entsprechende Universität weiterzuleiten. Leider musste ich 3 Tage vor Bewerbungsschluß erfahren, dass meine Bewerbung an dieser Universität niemals angekommen war. Nur der schnellen unbürokratischen Hilfe und Unterstützung von Herrn Prof. Amelang ist es zu verdanken, dass ich dennoch an der Universität, an die ich eigentlich wollte, studieren konnte.

Die Zeit in England war dann ein ziemliches Konrastprogramm hinsichtlich Strukturierung und Organisation des Studierens. Vor "Termbeginn" musste man sich verbindlich für die Seminare anmelden, wodurch Überbelegungen vermieden wurden. Dabei waren pro Term 2 Seminare im Studienplan vorgesehen. Ich war anfangs etwas verwundert, dass die Dozenten es mir nicht gestatteten, an einem dritten Seminar teilzunehmen, habe aber dann schnell gelernt, dass weniger wirklich mehr ist. Die Seminare selbst waren arbeitsintensiv, Vor- und Nacharbeit war selbstverständlich, außerdem mussten in jedem Seminar 2 Hausarbeiten geschrieben werden, für die es dann benotete Rückmeldungen gab. Das Letztgenannte empfand ich persönlich als sehr hilfreich, wenngleich mir bewußt ist, dass durch die starke Verschulung ein Stück des Humbold’schen Bildungsideals auch verloren geht.

Mein Hauptstudium habe ich dann wieder hier in Heidelberg absolviert. Positiv in Erinnerung sind mir dabei insbesondere solche Veranstaltungen, die einen engmaschigen Austausch zwischen Studenten und Dozenten erlaubten, bei denen ein Praxisbezug oder ein interaktives Lernen möglich war. Hier sind z.B. zu nennen das Gesprächsführungsseminar bei Frau Gloger-Tippelt zu Beginn des Hauptstudiums. Später im Studium fand ich das Fallstudienseminar bei Herr Schaper sowie das Pädagogische und das Klinische Praktikum und die zugehörigen Fallseminare bei Frau Kane und Herr Fydrich besonders effektiv. Die Lernform "Learning by doing" mit gleichzeitiger theoretischer Einbettung war eine interessante Erfahrung, die sich schön von vielen Veranstaltungen des Vordiploms abgrenzte. Ein Beispiel dafür, dass auch ein Seminar mit 50 Teilnehmerinnen nicht nur informativ, sondern auch Spaß machen kann, war das Seminar über Borderline Persönlichkeitsstörung bei Frau Renneberg. Sie verstand es, auch eine große Teilnehmerschaft zu involvieren und zum Mitmachen zu animieren.

Weniger positiv im Hauptstudium war die Methodenausbildung, was zu einigen leidvollen Momenten während der Diplomarbeitsphase führte. Zwar konnte ich von Herrn Röck und Herrn Werner durch das Seminar "Betreuung von Diplom - und Doktorarbeiten" hilfreiche Unterstützung erfahren, dennoch hätte ich es von Vorteil gefunden, wenn es über das ganze Hauptstudium verteilt mehr anwendungsbezogene Veranstaltungen in diesem Bereich gegeben hätte.

Um ein Bild zu gebrauchen, rückblickend erscheinen mir die Lerninhalte meines Psychologiestudiums wie Inseln im Pazifik, die zwar sehr schön und tiefgreifend, aber nur wenig miteinander vernetzt oder verbunden sind. Brücken zu bauen, bleibt dem einzelnen Studenten überlassen, und meist geschieht dies erst in der Phase des Lernens für die Diplomprüfungen. Ich persönlich finde das sehr schade und fände es positiv, wenn es von curricularer Seite mehr übergreifende und vernetzende Veranstaltungen angeboten worden wären.

Betrachtet man die Diplomprüfungen selbst, so habe ich mich iim Vergleich zu anderen Studienfächern wie z.B. Jura immer als priviligiert empfunden, da man ja für jede Prüfung einen ganzen Monat Zeit hat für die Vorbereitung. Allerdings wird der Prüfungszeitraum dadurch relativ lang und da kommt mir doch eine der Prüfungsfragen von Herrn Sonntag in den Sinn: wird dann aus der Beansprachung vielleicht Belastung?

Wie aufgezeigt, gab es in der Zeit meines Studiums einige Bereiche an denen strukturelle und organisatorische Veränderungen das Studium erleichtert hätten, dennoch hat mir die Zeit hier und auch in England viel Spass gemacht. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Rita Gebhard, stellvertretend für eine Gruppe von Absolventen des Jahres 2000


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