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Verleihung des Franz-Emanuel-Weinert-Preises 2009

Einleitung

Auf der Diplomfeier am 18.12.2009 wurde zum 8. Mal der Franz-Emanuel-Weinert-Preis für herausragende Diplomarbeiten vergeben. Die diesjährige Preisträgerin ist Dipl.-Psych. Mirjam Hölzel.

Die Laudatio auf die Arbeit hielt Prof. Dr. Dirk Hagemann im Namen des Auswahlkomitees (Prof. Dr. Klaus Fiedler, Prof. Dr. Dirk Hagemann, Dipl.-Psych. Malte Stopsack).

Laudatio

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

am Heidelberger Psychologischen Institut besteht der schöne Brauch, alljährlich die beste Diplomarbeit eines Jahrgangs mit einem Preis auszuzeichnen. Dieser Preis ist benannt nach Franz Emanuel Weinert, der von 1968 bis 1981 hier am Psychologischen Institut Ordinarius für Entwicklungspsychologie und Pädagogischer Psychologie gewesen ist.

In diesem Jahr wurden für diesen Preis insgesamt 4 Arbeiten nominiert, und als Mitglied der Auswahlkommission kann ich Ihnen nur sagen: alle Arbeiten waren sehr gut. Letztlich ist die Entscheidung dann doch auf eine Arbeit gefallen, die sowohl in theoretischer als auch methodischer Hinsicht bemerkenswert ist.

Die diesjährige Preisträgerin heißt Mirjam Hölzel, und ihre entwicklungspsychologische Diplomarbeit trägt den Titel „Looking afield—investigating children’s unerstanding of representational change and false belief in Gua“. Frau Hölzel, herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis!

Die Arbeit untersucht die sog. Theory of Mind. Darunter versteht man die Fähigkeit, eine Annahme über Bewusstseinsvorgänge in anderen Personen vorzunehmen wie beispielsweise eine Annahme darüber, was andere Personen eigentlich denken. Die Entwicklungspsychologie fragt nun danach, ab welchem Lebensalter solche Annahmen überhaupt zutreffend vorgenommen werden. So hat Frau Hölzel Kindern zwischen 3 und 6 Jahren einen verschlossenen Kochtopf gezeigt. Üblicherweise befindet sich in einem solchen Topf essen. Der Deckel wurde geöffnet und die Kinder sahen, dass der Topf tatsächlich mit Seifestücken gefüllt war. Nun wurde der Deckel wieder geschlossen und das Kind wurde gefragt: „Wenn jetzt ein anderes Kind kommt und den Topf sieht: wird das Kind glauben, dass Essen oder dass Seife drin ist?“ Antwortet das Kind mit „Essen“ so hat es eine korrekte Einschätzung der Überzeugungen des andern Kindes abgegeben.

Solche Untersuchungen wurden bereits zuhauf in Europa und Amerika durchgeführt mit dem Ergebnis, dass die Kinder ab dem 3. bis 5. Lebensjahr solche Aufgaben lösen können. Frau Hölzel hat nun nicht die x-te Replikation dieser Befunde mit Kindern aus Heidelberg durchgeführt, nein—sie ist in ein kleines Dorf namens Gua auf Papua-Neuginea gereist und hat ihre Untersuchungen bei den Yupnos durchgeführt um nachzuweisen, dass dieEntwicklung der Theory of Mind auch in einer sehr fremden Kultur in dieser Altersspanne stattfindet.

Im Einleitungsteil der Arbeit wird zunächst eine Einführung in die Kulturvergleichende Psychologie geboten sowie eine Übersicht über Konzepte und Befunde zur Theory of Mind referiert. Im methodischen Teil der Arbeit schildert die Autorin ihre empirische Herangehensweise. So hat Sie für diese Studie zunächst Tok Pisin gelernt, das ist eine der Umgangssprachen von Papua-Neuguinea. Dann ist Sie in das Dorf Gua gereist und hat dort mehrere Wochen lang teilnehmende Verhaltensbeobachtungen angestellt mit dem Ziel, die gängigen Untersuchungsaufbauten zur ToM an die soziokulturellen Eigenheiten der Yupno-Kinder anzupassen. Sie hat schließlich unterschiedliche Experimente mit den Kindern durchgeführt und als wesentliches Ergebnis einige Hinweise auf eine Entwicklung einer Theory of Mind zwischen dem 3. und 6. Lebensalter bei diesen Kindern gefunden. Abschließend werden in ihrer Arbeit die zahlreichen Schwierigkeiten bei der Übertragung der Versuchsanordnung auf die Yupno-Kultur diskutiert.

Die Arbeit besticht durch eine große Gründlichkeit und Argumentationstiefe sowohl in den theoretischen Einleitungsteilen als auch in der abschließenden Diskussion. Der Aufwand, den Frau Hölzel bei der praktischen Umsetzung ihrer Diplomarbeit betrieben hat, ist enorm. Besonders beeindruckt war die Auswahlkommission davon, dass Sie jede denkbare Anstrengung unternommen hat, um die Experimentalaufgaben der Lebenswirklichkeit ihrer Probanden anzupassen sowie der Mut, mit dem sie in der Diskussion ihre Argumente geführt hat.


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