Sabine Czenna & Philipp Heß
PP-Folie: Titel

Hallo alle zusammen
So. Nun ist es soweit. Wir
sind jetzt Diplom Psychologinnen und Diplom Psychologen.
Oder, wie man neuerdings
formulieren würde: „Wir sind Diplom-Psychologie“ beziehungsweise kürzer und
prägnanter „Wir sind Psychologie“ - etwa analog der Slogans „Wir sind Papst“
oder „Wir sind Nobelpreis“.
Aber - was ist Psychologie eigentlich? Und wer sind wir? Und: Was machen wir, wenn wir Psychologie sind?
In der Gesellschaft kursieren
teilweise amüsante, teilweise fast nervige Bilder der Psychologie.
Wahrscheinlich jeder der jetzigen Diplomanten wird Aussagen kennen wie: „Oh,
hast Du mich jetzt schon durchschaut?“ oder „Psychologie, das ist doch ein sehr
schwammiges Fach.“
Oftmals wird auch die
Meinung vertreten: „Psychologie? Das kann man doch intuitiv.“. Empirischen
Erkenntnissen der Psychologie folgt manchmal ein: „Haja klar – das hätte
ich auch ohne die Psychologie so gedacht.“. Lustig wird es nur dann, wenn man
sich bei der Erläuterung der empirischen Ergebnisse geirrt hatte. Man
korrigiert sich und stellt die Aussagen richtig. Um dann, verblüfft, eine
ähnliche Reaktion, wie zu der falschen Aussage zu erhalten: „Ja, das ist doch
trivial.“ . Dem Gegenüber wird dabei offenbar nicht bewusst, dass der scheinbar
ja so offensichtliche Zusammenhang wohl doch einer näheren Betrachtung bedarf,
und eben nicht offensichtlich
ist.
Das ist somit das Bild,
welches andere von uns und unserem Fach haben…
Doch wie sehen wir uns
selbst? Was bedeutet es für uns Diplompsychologe zu sein? Wer sind wir
eigentlich? Und was zeichnet uns aus?
Um diese Fragen zu
beantworten, sind wir prototypisch psychologisch vorgegangen: was wäre ein
Psychologe ohne Fragebogen, ohne Untersuchung…
Um nicht nur unsere Sichtweise
darzustellen haben wir in einer Internetumfrage euch, unsere Mitabsolventen
befragt, wie es euch momentan geht, wie eure Sicht des Studiums aussieht.
Zusätzlich wollten wir
unserem Jahrgang ein Gesicht verleihen und haben euch um ein aktuelles Passfoto
gebeten…
So, hier also die
Ergebnisse.
Hier stellt sich uns die
erste Frage: Wie sehen wir
überhaupt aus?

So sehen wir aus!
Was bedeutet es nun für uns
fertige Diplompsychologin / fertiger Diplompsychologe zu sein?
Hierzu am besten einige
Zitate aus der Umfrage:
Nun haben wir uns
gefragt: Wie steht es mit unserer
Motivation? Sprich, der Teilnahme an der Untersuchung?
Wie bei Umfragen üblich, haben wir zuerst einmal die
Rücklaufquote bestimmt:

Von 75 Absolventen haben wir
42 Fotos erhalten.
32 Personen haben sich die
Mühe gemacht, an der Umfrage teilzunehmen.
Wenn man es mit sonstigen
Werten vergleicht, kann man sagen: wir sind sehr motiviert!
Vielen herzlichen Dank!
Nächste Frage: Wie sieht es
bei den demografischen Daten aus?
Als erstes interessiert uns
hier das Alter der Absolventen

Zweitens, wie lange haben
wir studiert? Hierzu haben wir die durchschnittliche Semesteranzahl der
Absolventen untersucht.

15 Personen haben ein
Auslandsstudium durchgeführt
7x 1 Auslandssemester
8x 2 Auslandssemester
Als nächstes stellt sich die
Frage: Wie beurteilen wir unser Studium?

Positiv hervorhoben wurde
die besondere Atmosphäre am Institut. Die geringe Studentenanzahl, die Beziehungen
der Studenten untereinander und mit den Dozenten, die vielen Aktivitäten wie
EKS und Psychofete, kurz, dass jeder jeden grüßt…
Insgesamt haben wir uns am
Institut immer willkommen und aufgehoben gefühlt.
Positiv bewertet wurden des
Weiteren die Freiheit der Studiengestaltung und der Selbstorganisation, sowie die
Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern.
Natürlich darf man auch die
spannenden Inhalte des Studiums nicht vergessen.
So, genug des Lobes. Was gab
es denn zu kritisieren?
Negativ angemerkt wurde die viele
Theorie und der wenige Praxisbezug und dass beliebte Veranstaltungen restlos
überfüllt waren.
Viele Absolventen hätten
sich mehr Anforderungen an ihre Kreativität gewünscht, beispielsweise mehr
eigene Forschungsarbeiten und weniger Auswendiglernen, dies vor allem in Bezug
auf Prüfungen und Scheinkriterien. Der Prüfungsblock am Ende rief auch keine
Begeisterung hervor.
Schön wäre auch gewesen,
wenn in den einzelnen Disziplinen etwas mehr über den Tellerrand geschaut
werden würde. Sei es in andere psychologische Bereiche oder in andere
Studiengänge.
Ärgerlich waren auch die
vielen unbesetzten Stellen und dass einige Betreuer lange Diplomarbeitszeiten
bevorzugten.
Aber auch hier: Genug der
Kritik, das reicht jetzt.
Zurück zu unserer
Untersuchung: Wie Sie schon ahnen… wir wären keine Psychologen, ohne nach
Zusammenhängen
zu suchen.

[Erläuterung
der Folie]
Was wäre nun eine
psychologische Untersuchung ohne experimentelle Manipulation…
Wir haben euch zwei
verschiedene Versionen des Fragebogens zum Ausfüllen gegeben. Die eine Hälfte
wurde gebeten, spontan und aus dem Bauch heraus die Fragen zu beantworten.
Die andere Hälfte baten wir
genau nachzudenken, bevor sie ihre Antworten geben.
Es stellt sich nun die
entscheidende Frage: Hat die Art der Beantwortung einen Einfluss auf die
durchschnittliche Bewertung des Studiums und der Berufsaussichten?
Wie wir gestehen müssen
– nein. Egal ob intuitiv oder durch nachdenken geantwortet wurde, die
durchschnittliche Antwort war gleich.
Doch wer wird denn gleich
aufgeben?!
Gerade haben wir auf dieser
Folie gesehen, dass Zusammenhänge zwischen Alter, Semesteranzahl,
Berufsaussichten und Bewertung des Studiums bestehen.
Zeigen sich Unterschiede in
den Korrelationen zwischen der intuitiven und der reflektiven Bedingung?
Sehen Sie selbst…

Damit sollten wir genau
aufpassen, wie wir Fragen beantworten! Intuitiv wissen wir, dass Alter und
Semesteranzahl keinen Einfluss auf unser Studium und unsere Zukunft haben
sollten. Nur wenn wir nachdenken, werden unsere Urteile verzerrt…
Jetzt haben wir die
Beschreibung unseres Jahrgangs gesehen. Doch sind wir tatsächlich so homogen?

Wie zu sehen, weisen wir in
der Ausrichtung unseres Studiums große Unterschiede auf. Diese Unterschiede
zeigen sich aber auch beim Start in den Beruf. Pathologie und BWL sind die
beliebtesten Fächer.
Als nächstes sehen Sie die
gewählten Berufe bzw. die angestrebte Berufsrichtung.

Wir als Diplom-Psychologen
arbeiten in sehr unterschiedlichen Bereichen. Dort sehen wir uns zum Teil mit
einer Konkurrenzsituation mit anderen Disziplinen konfrontiert. Im
wirtschaftlichen Kontext konkurrieren wir beispielsweise um dieselben Stellen
wie Betriebswirte, Volkswirte oder auch Ingenieure. Im medizinischen Bereich
gibt es gewisse Reibungspunkte zwischen den Psychologen und den Medizinern. Im
pädagogischen Bereich sind neben den, in pädagogischer Psychologie vertieften,
Diplom Psychologen auch noch die Diplom Pädagogen tätig.
Die Aufzählung soll
aufzeigen: Das Berufsfeld der Psychologen ist nicht absolut fest verankert. In
allen Bereichen gilt es mit Problemen zu kämpfen. Dies schlägt sich auf die
Bewertung der Berufsaussichten nieder.

Wir haben unsere
Mit-Absolventen gefragt, wie sie die Berufsaussichten für sich persönlich
beurteilen. Hierbei konnten sie Schulnoten vergeben. Eine 1 bedeutet demzufolge
sehr gute Berufsaussichten, eine 5 mangelhafte Berufsaussichten.
Sie sehen, die einzelnen
Berufsrichtungen unterscheiden sich in ihren Bewertungen. Die Unterschiede sind
zwar nicht signifikant, jedoch können wir Tendenzen ablesen. Alle sind im
Bereich „gut“ einzuordnen, wobei die Berufsaussichten im Pädagogischen Bereich
am schlechtesten Bewertet werden.
Wie die Studie zeigt,
bestehen zwischen den einzelnen Interessensschwerpunkten und Berufsrichtungen
große Unterschiede.
Nichtsdestotrotz haben wir
in unserem Studium gemeinsame Erfahrungen gesammelt, und eine Sozialisierung
durchlaufen.
Wir haben gemeinsame
Lernpunkte, eine gemeinsame Denkweise und gemeinsame Kompetenzen…

(Wir Psychologen haben) …
umfangreiche und besondere Kompetenzen sogar. Nicht nur im klinischen Bereich,
sondern auch in den anderen Berufsfeldern der Psychologie. Wir lernen
wissenschaftliches Denken, analytisches Vorgehen und das Strukturieren von
Problemen. Dabei können wir mit großer Selbstständigkeit vorgehen und unsere,
in beispielsweise dem Gesprächsführungsseminar, dem Päps-Praktikum oder dem
ABO-Projektseminar erworbene, hohe soziale Kompetenz anwenden. Die
Abschlussprüfungen, bei aller Kritik daran, ebenso wie die beständigen Referate
übten uns im sicheren Auftreten und Präsentieren. Darüber hinaus können wir auf
eine breite Basis theoretischen Wissens über menschliches Verhalten und Erleben
und dessen Determinanten zurückgreifen. Und nicht zuletzt lernten wir ein Stück
weit, Komplexität zu denken. Am Ende des Studiums ist das Denken geprägt davon,
dass man Interaktionen bei Zusammenhängen erwartet. Eine einfache, monokausale
Erklärung kann meist nicht überzeugen. Unter anderem darin unterscheiden wir
uns von anderen Disziplinen.
Schauen wir uns dazu
beispielsweise das Verhältnis der Psychologie zur Medizin etwas genauer an. Die
Medizin ist im Vergleich zur Psychologie ein richtiges Schwergewicht betreffend
ihres Alters. Das schlägt sich auch im Verhältnis der Mediziner zu den
Psychologen nieder und auch in den beruflichen Perspektiven.
Seltsam mag in diesem
Kontext erscheinen, dass die Leitungen psychiatrischer und
psychotherapeutischer Kliniken fast ausnahmslos in Händen von Psychiatern,
mithin Medizinern, liegen. Falls doch ein Psychologe auf einen solchermaßen
hohen Posten gelangt, wird ihm üblicherweise ein Arzt zur Seite gestellt. Diese
Aussagen stammen aus dem ReportPsychologie Nr. 30 aus dem Jahre 2005, wie
auch die nun folgende Weiterleitung dieses Gedankens. - Erstaunlich wird dieser
Umstand der Besetzung der Klinikleitung, wenn man sich die Qualifikationen der
Mediziner im Vergleich zu den Psychologen ansieht. Klinikleitung – dabei
geht es um Leitung, sprich: das Führen von Menschen. Inwiefern erwerben Mediziner
in diesem Gebiet Kenntnisse? Jeder Diplom-Psychologe dahingegen muss zum Erwerb
des Diploms auch eine Prüfung im Bereich der Arbeits-, Betriebs- und
Organisationspsychologie ablegen. Diese umfasst zumindest rudimentäre Anteile
von Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung. Zudem werden Psychologen zum
Denken in sozialen Zusammenhängen und in komplexen Systemzusammenhängen
sozialisiert. Ganz im Gegensatz zu Medizinern, welche eher den Erwerb
fehlerfreien linearen Wissens in ihrer Ausbildung nahe gebracht bekommen, für
das reibungslose Funktionieren in einem streng hierarchischen
Klinikbetrieb.
Man kann also argumentieren,
dass Psychologen vielleicht für die Klinikleitung geeigneter sein könnten.
Dennoch: Sie sind kaum auf diesen Stellen zu finden.
Um es hier klarzustellen:
Die Aufforderung an die Psychologen soll hier nicht etwa sein, dass sie jetzt
scharenweise die Übernahme von Klinikleitungen anstreben. Vielmehr soll die
Aussage eine viel allgemeinere sein. Sie richtet sich an alle Psychologen,
nicht nur die klinisch tätigen: Wir Psychologen haben bestimmte Fähigkeiten,
die wir im Studium erwerben. Diese können und sollten wir auch selbstbewusst
vortragen und anwenden, um uns damit Gehör in der Welt zu verschaffen.
Ist es nicht so, dass wir
wichtige Kompetenzen für die Gesellschaft bereithalten und in sie einbringen?
Bei der klinischen Psychologie ist das unmittelbar einsichtig. Diese kann man
schön mit dem Bild: „Das Ohr der Gesellschaft“ beschreiben. An dieser Stelle
sieht man deutlich den direkten Einfluss der Psychologie, oder der
Psychotherapie, auf die Gesellschaft. Aber auch die anderen Bereiche, in denen
Psychologen in der Gesellschaft wirken, profitieren von deren Kompetenzen. Zu
nennen ist hier die nomothetische, wissenschaftliche Denkweise unter der
Annahme multikausaler, interaktionaler Zusammenhänge. Die Welt ist komplex.
Dieses zu sehen und damit umzugehen, ist sicherlich eine unserer Kompetenzen.
Darüber hinaus ist der „Faktor Mensch“ in anderen Disziplinen oft ein nur am
Rande bedeutsamer Aspekt. Nicht so bei uns - und das ist gut so.
Dabei nehmen unsere
Mitmenschen unsere Qualitäten nicht unbedingt wahr. Manche haben, wie anfangs
skizziert, ein eher antiquiertes und vorurteilsbeladenes Bild der
Psychologie. Indes, das Bild der
Psychologie in der Gesellschaft wird getragen von den Psychologen. Das ist
jeder einzelne von uns. Veränderungen an dem Bild vollziehen sich langsam. Aber
steter Tropfen höhlt den Stein. Und alles wird gut werden.
Was können wir nun also
machen, wenn wir sagen: „Wir sind Psychologie“? Können wir etwas ändern, wenn
schon nicht für uns, so doch für die Zunft und zukünftige
Psychologen-Generationen? - Wir können etwas ändern.
Darum an dieser Stelle der
Aufruf: Lasst uns dort hinausgehen in die Welt und uns und unsere Kompetenzen
selbstbewusst in die Gesellschaft einbringen. - Wir, die Redner, freuen uns
darauf. Wir sind Psychologie.