Sehr geehrte Professorinnen und Professoren,

Dozentinnen und Dozenten,

liebe Absolventen,

werte Eltern, Freunde, liebe Gäste und Mitfeiernde,

 

Isabell:

 

…es fühlt sich etwas eigenartig an, hier zu stehen, im Hörsaal 2, der alten Anatomie, quasi mit dem Diplom in der Tasche und sagen zu können, wir blicken zurück.

Irgendwie sind die letzten sechs Jahre trotz wahrgenommener Durststrecken, Prüfungszeiten, dem berühmt-berüchtigten Block, wie im Flug vergangen und jetzt stehen wir hier, etwas erstaunt wie am ersten Tag, nur eben den entscheidenden Schritt weiter, als stolze Diplom-Psychologinnen diese Jahrgangs.

 

Wir sind Ina Wegelin und Isabell Wolf und wir möchten Ihnen stellvertretend für alle diesjährigen Absolventen heute Abend einen Rückblick auf die vergangenen Studienjahre geben.

 

„Wer sind wir eigentlich?“ war unsere erste Frage. Gut, wer wir sind, wissen wir schon, jedoch stehen wir nur stellvertretend für die Absolventen des Jahres 2009 und sind damit eine sehr kleine, mit hoher Wahrscheinlichkeit verzerrte Stichprobe.

Um diese und weitere essentielle Fragen zu klären und möglichst viele unserer ehemaligen Kommilitonen einzubeziehen, haben wir uns zu einer altbekannten und hocheffektiven Methode, zu einer Umfrage entschlossen – typisch psychologisch. Anhand der Ergebnisse dieses Datensatzes und vielfältig angezapfter Erinnerungsquellen möchten wir sie chronologisch, in aller Kürze durch unser Studium jagen.

 

Begonnen hat das Studium – egal welchem Erstsemesterjahrgang die Mitglieder unserer Kohorte angehören - mit dem EKS, dem Erstsemester-Kompaktseminar (http://www.psychologie.uni-heidelberg.de/alumni/erstis_2003.html). Und zufälligerweise zeigte unsere Umfrage, dass sich so ziemlich alle Jahrgänge mit Schrecken an den ersten Tag erinnern. Wir haben da auch unsere Erinnerung….

 

 

Ina:

 

Es kommt mir vor, als wäre es erst kürzlich gewesen, dass wir in genau diesem Hörsaal saßen - im Wintersemester 2003/2004. Bei manchen von uns war es vielleicht das Wintersemester davor oder danach. Ich weiß nicht, wie es dir ging, Isabell, aber für mich war alles neu, aufregend und der Hörsaal kam mir damals sehr groß vor!

 

Wir waren gespannt darauf, was das Studium bringen würde und wir waren froh um die traditionelle Einführungswoche - das EKS. Wir ahnten natürlich nichts von der bereits erwähnten Tradition, welche Erstsemester jedes Jahr aufs Neue durchmachen mussten.

 

Sie werden sich nun sicher fragen, worin diese denn bestand. Ich kann Ihnen die Version, wie sie Isabell und ich miterlebt haben, gerne erzählen.

Nun, vielleicht könnten Sie versuchen, sich in unsere damalige Lage zu versetzen: für die meisten von uns war das Heidelberger Institut die erste Studienortwahl. Wir alle haben dafür sehr gute Leistungen erbracht, einige von uns haben jahrelang auf den Platz gewartet.

Und nun hörten wir die Nachricht, dass leider zu viele Studierende zugelassen wurden und per Losverfahren entschieden werden müsse, für wen von uns das Heidelberger Institut nur eine Stippvisite werden würde… Wir sollten also wegen eines Formfehlers auf unseren gewünschten Studienplatz verzichten! Mein Herz klopfte damals wie wild und ich habe mir nur gewünscht, dass meine Nummer - die 87 - nicht gezogen werden würde. Dennoch war ich enttäuscht und hatte Mitleid als die vermeintlichen acht Pechvögel nacheinander gelost wurden. Da standen sie vorne an der Tafel und sahen alles andere als glücklich aus….

Es sind schon gute Schauspieler unter uns Psychologen! Nicht ohne Grund gab es hier eine Schauspieltruppe. Denn die gelosten Studenten waren in Wahrheit unsere Tutoren für die folgende Einführungswoche! Unsere Erleichterung war im Hörsaal förmlich greifbar. Dieses Erlebnis hat uns von Beginn an zusammengeschweißt und ich muss heute noch über die damalige Aufregung schmunzeln, wenn ich daran zurückdenke. So können Sie sich also fast sicher sein, eine nette Anekdote zu hören, wenn Sie einen Heidelberger Absolventen nach seiner Einführungswoche fragen.

 

Nun fing es also an - unser Psychologiestudium. Aber was war es denn genau? Was haben wir gelernt? Und war es das, was wir hätten lernen sollen? Oder gab es auch Lerninhalte, die sich nicht so einfach in Studienordnungen fassen lassen, aber mindestens genauso wichtig sind, um hier und heute sagen zu können: Wir sind Diplom-Psychologen?

 

Isabell:

 

Also, wer sind wir jetzt eigentlich – und wenn ja, wie viele?

 

Laut der internen Namensliste besteht unsere Kohorte aus 53 Absolventen, die sich in 5 Männer und 48 Frauen aufteilt.

Der Rücklauf der Fragebögen belief sich auf 23 Personen darunter auch 2 Männer.

 

 

Wie sie sehen, bewegt sich die Altersspanne zwischen 24 und 47 Jahren, was einem Mittelwert von 27,09 Jahren entspricht.

 

Wie lange haben wir es an der Uni ausgehalten? Die einen kürzer, die anderen länger. Die Auswertung Eurer Daten ergab eine Minimalstudienzeit von 8 Semestern und eine Maximalstudiendauer von 14 Semestern, was einem Mittelwert von 11,16 Semestern entspricht.

 

Was uns natürlich auch brennend interessiert hat – wie geht’s weiter, was machen die frisch Diplomierten gerade. Je 30, 4 % der Absolventen sind arbeitstätig oder promovieren und 26,1% sind in Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten oder machen alles zusammen.

8,7% sind gerade ganz frisch fertig geworden und somit noch Studenten und 4,3% der Befragten sind momentan arbeitssuchend bzw. auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

 

So, das sind wir in Fakten und Zahlen, aber zurück zum Anfang unseres Studiums. Warum wollten wir eigentlich gerade Psychologie studieren – das waren eure Rückmeldungen:

 

 

 

Wie sah es nun genau aus unser Studium?

Begonnen hat alles mit der Allgemeinen Psychologie, gefolgt von der Biologischen Psychologie, der Differentiellen Psychologie, der Entwicklungspsychologie, wie der Sozialpsychologie und der Methodenlehre.

Hier wären wir erst mal beim Vordiplom angekommen.

 

Ina:

 

Das waren also wir in Zahlen und ein schneller Galopp bis zum Vordiplom. Doch diese Fakten sagen uns nicht, was wir nach Vorlesungsende gemacht haben. Die freie Zeit im Studium war und sollte ein wichtiger Faktor sein. Denn hier werden Freundschaften geschlossen, die einen zwar Ab und An vom Studium ablenken, aber auch viel Unterstützung bieten.

 

Das psychologische Institut bot auch für die Freizeitgestaltung vielzählige Möglichkeiten: ob bei Partys im Hintergebäude, beim Grillen im Innenhof, mittwochs im Psychokino oder am Glühweinstand nach Seminaren - hier konnten wir ungezwungen ins Gespräch kommen und so manchen Dozenten von einer anderen Seite erleben.

Man erlebt wohl nicht überall Professoren, die auf Partys für den richtigen Rhythmus sorgen oder am Grill aufpassen, dass die Würstchen nicht verbrennen. Sie sehen also, es ging hier alles andere als anonym zu.

 

Das Hauptstudium versprach mehr anwendungsbezogenes Wissen. Sei es im Rahmen der Klinischen, der Pädagogischen oder der Arbeits- und Organisationspsychologie. Auch die Methodenfächer Diagnostik sowie Evaluation und Forschungsmethodik waren anwendungsorientiert.

 

Manche von uns haben beispielsweise in der Klinischen Psychologie erste Erfahrungen in Gesprächsführung machen können. Wir stellten fest, dass es gar nicht so einfach ist, einem intensiven Gespräch zu folgen, dabei gleichzeitig den roten Faden zu behalten und möglichst bereits die nächste Frage im Sinn zu haben. Aber übung macht bekanntlich den Meister und so waren schnell Fortschritte zu verzeichnen.

Ich erinnere mich da aber auch an andere praktische Erfahrungen im Rahmen des klinischen Praktikums. Es war damals ebenfalls Advents- und somit auch Weihnachtsmarktzeit. Bekanntlich sind dann sehr viele Passanten in der Hauptstraße unterwegs. Das werden Sie sicher auch heute gemerkt haben.

Die beste Zeit also, um sich vor möglichst vielen Menschen zum Clown zu machen! Auf diese Idee kommen wohl nur Psychologen… Wenn Sie jetzt im Anschluss das Institut verlassen, fühlen Sie sich frei, das nachzumachen, was ich Ihnen nun beschreiben werde:

 

Für die Hundebesitzer unter Ihnen wird Folgendes eine der leichtesten übungen sein, denn Sie gehen Gassi in der Hauptstraße. Was ist daran so außergewöhnlich peinlich, werden Sie jetzt fragen… Nun, der Clue an der Sache ist folgender: Sie lassen Ihren Hund zu Hause und führen eine Banane an die frische Luft! Dabei stellen Sie sich nur vor, es wäre Ihr geliebter Vierbeiner.

Das heißt, Sie schlendern über den Weihnachtsmarkt, bleiben vielleicht an einem Stand stehen, um sich umzuschauen oder Sie heben Ihren Hund - die Banane - kurz hoch, damit sie auch an der Bratwurst schnuppern kann…

Das ist doch jetzt wirklich peinlich und lächerlich, werden Sie sicher denken. Und was soll das Ganze überhaupt?! Das sind durchaus berechtigte Fragen. Solche Fragen stellen wir uns oft. Wir zögern, trauen uns nicht, haben Angst, uns zu blamieren. Genau hier kann man aber auch genauso gut fragen, was passiert wenn?

Nun, die überzogen peinlich-lächerliche Situation, wenn man eine Banane Gassi führt, hat einigen von uns gezeigt, was passiert. Nicht wirklich viel, ich muss Sie hier leider enttäuschen. Es gibt vielleicht ein paar schräge Blicke und schmunzelnde Gesichter, womöglich hören Sie den ein oder anderen Kommentar. Im Wesentlichen merken Sie aber, dass es die meisten Leute kaum kümmert, was Sie tun oder lassen - selbst wenn es etwas so Lächerliches ist! Also nur Mut!

 

Einige von uns sammelten eben solche auch in anderen psychologischen Anwendungsbereichen. In der Pädagogischen Psychologie durften wir beispielsweise einen Intelligenztest durchführen und manche wurden im ABO-Projektseminar in umliegenden Betrieben eingesetzt.

 

 

Isabell:

 

Das Diplom schließt alle anwendungsbezogenen Fächer mit ein, jedoch konnte man Schwerpunkte setzen.

Eure Wahl fiel zu 60,9% auf die Klinische und Pädagogische Psychologie, gefolgt von Klinischer und Arbeits- und Organisationspsychologie mit 34,8%. 4,3% von euch haben sich für Pädagogische und A&O entschieden.

 

Unser Studium bestand des Weiteren aus Praktika außerhalb des Instituts, aus dem Verfassen einer Diplomarbeit und der letzten Hürde vor dem Abschluss, den Block-Prüfungen. Das alles haben wir hinter uns gebracht um heute sagen zu können "Wir sind Diplom-Psychologen".

 

Nun steh ich da, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor – "Würdet ihr noch mal Psychologie studieren?" war unsere Frage.

Ihr habt uns diese Rückmeldung gegeben:

73,9% der Absolventen würden mit klarem JA noch mal das Psychologiestudium absolvieren. 13% hingegen sagen rückblickend klar NEIN, lieber etwas anderes. Auch 13% von Euch meinten, dass sie unter den heutigen Studienbedingungen mit den Bachelor-/ Master-Abschlüssen nicht noch einmal Psychologie studieren würden.

Im Hinblick auf die aktuelle Protestwelle gegen die Bologna-Reform, können wir froh sein, noch zu den letzten Jahrgängen zu zählen, die das Institut mit dem Abschluss Diplom-Psychologe verlassen dürfen. Warum ich das so frei heraus sage?

 

Ich persönlich glaube nicht, dass das schnelle Studium einem Zeit lassen wird, Entscheidungsprozesse selbständig zu fällen, ob man beispielsweise noch ein Semester länger studiert, den Tutorenjob noch einmal annimmt, sich noch einen Einblick mittels eines Praktikums gönnt, ins Ausland geht oder einfach nebenbei lebt.

Denn gerade das hat uns die letzten Jahre geprägt.

 

Wir haben WGs gegründet, waren im Ausland, haben gefeiert, haben Freunde und Partner gefunden und vielleicht auch wieder verlassen, manche haben geheiratet, einige Kinder bekommen.

Das alles war sicherlich auch entscheidend für den Verlauf der letzten Jahre. Nicht die Tatsache, dass wir zwischenzeitlich eine Elite-Universität geworden sind - was natürlich hocherfreulich ist, keine Frage! - sondern die Art zu Denken, sich Dinge anzusehen ist entscheidend. Richtig und genau hinzuschauen und kritisch zu prüfen, ob hierbei entstandene Hypothesen noch falsifizierbar sind. Zu jeder Wahrscheinlichkeit gibt es eine Gegenwahrscheinlichkeit.  

 

Wir haben gelernt, die verschiedensten Blickwinkel in Betracht zu ziehen und diese Denkweise lässt sich nicht in fester Semesteranzahl erreichen, sie entsteht mit einer Persönlichkeitsentwicklung, die letztendlich auch entscheidend dafür sein wird, wie wir mit unserem Abschluss das Bild unseres Instituts vertreten.

Natürlich auch mit unseren Referenzen, vielmehr jedoch mit unserer Art, wie wir beispielsweise mit unserer Verantwortung umgehen und der Menschlichkeit und Großzügigkeit, mit der wir anderen begegnen.

 

Ina:

Die Fähigkeit im globalen Zusammenhang für sich selbst zu denken, zu entscheiden und für die Konsequenzen einzustehen - kurzum, Verantwortung zu übernehmen -  ist für mich die vielleicht wesentlichste Errungenschaft des Studiums. Wir werden auch in unserem Beruf als Diplom-Psychologen unabhängig von unserem Studienschwerpunkt täglich Verantwortung übernehmen müssen.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber wenn ich mir das bewusst mache, fühle ich mich ein wenig wie zu Beginn des Studiums. Wir stehen wieder am Anfang.

Nicht nur das Studium lässt uns aber zuversichtlich in die Zukunft blicken. Es gibt Menschen - viele davon werden sich gerade hier im Hörsaal befinden - die uns auf unserem bisherigen Werdegang unterstützt haben!

 

Wir geben den Dank im Auftrag unserer ehemaligen Kommilitonen gerne wörtlich weiter:

Ina:

 

Ich persönlich möchte mich bei meiner Mutter bedanken vor allem für die Freiräume, die Sie mir gegeben hat, um mein Studium und mein Leben so zu gestalten, wie ich es tat. Danke auch meinen Freunden für alles!

 

Isabell:

Ich möchte mich auch besonders bei meiner Mutter bedanken, genauso bei meiner Familie und meinen Freunden. Aber auch bei allen, die in den letzten Jahren irgendwie dabei waren, teils vielleicht nur mit guten Gedanken und kurzen Gesprächen. Dankeschön, das hat gut getan, das möchte ich nicht missen.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!