Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

HeiDE-Projekt des Psychologischen Instituts

HeiDE 1992 bis heute


Die Anfänge („Baseline-Studie“, 1992-1994)

Vor etwa 30 Jahren häuften sich in der wissenschaftlichen Literatur spektakuläre Berichte über die Möglichkeit, mit Hilfe neuer Fragebogen-Tests die beiden wichtigsten Krankheiten unserer Zeit vorhersagen zu können, nämlich Krebs und koronare Herzerkrankungen. Allerdings wiesen die betreffenden Arbeiten viele theoretische Unklarheiten und methodische Unzulänglichkeiten auf. Aus diesem Grund wurde in den Jahren 1992 bis 1994 eine erste Datenerhebung vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg durchgeführt, die den international verbindlichen wissenschaftlichen Ansprüchen entsprach und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde. Teilnehmer waren 5.114 Männer und Frauen im Alter zwischen 40 und 65 Jahren aus Heidelberg und einigen Gemeinden der Umgebung. Die Befragungspersonen bearbeiteten einen umfangreichen Fragebogen, der sich auf eine Vielzahl von Persönlichkeitsmerkmalen bezog, darüberhinaus Skalen für Arbeits- und Lebensgewohnheiten, Ausmaß von Schlaf und Art der Ernährung enthielt. Zudem berichteten sie über die in Gegenwart oder Vergangenheit erlittenen Krankheiten.

Zentrale Ergebnisse dieser ersten Datenerhebung waren:

  • Die vorgeblich hohe Güte und eigenständige Qualität der neuen Fragebögen als Marker für Krebs und koronare Herzerkrankungen konnten nicht bestätigt werden; Personen, die an Krebs (verschiedener Diagnosen) erkrankt waren, unterschieden sich im Durchschnitt ihrer Fragebogen-Werte nicht von gesunden Personen. Die nachfolgende Abbildung 1 gibt dafür ein Beispiel.
  • Es bestand ein Zusammenhang zwischen einigen theoretisch und empirisch bewährten Fragebogen-Skalen (wie Depressivität, Emotionale Labilität, Aggressivität, u.a.) einerseits und einzelnen Erkrankungen andererseits: ein höherer Punktwert auf einer Skala (z.B. hohe Werte für Depressivität oder Aggressivität) ging mit einer erhöhten Häufigkeitsrate chronischer Erkrankungen einher. Die beobachteten Zusammenhänge waren ähnlich stark wie die „etablierter Risikofaktoren“ wie z.B. Rauchen, Bewegungsmangel und erhöhtem Cholesterin.
Abbildung 1

Abbildung 1: Mittelwerte für die beiden Skalen Krebs und Koronare Herzerkrankung getrennt für gesunde Probanden, Probanden mit koronarer Herzerkrankung und Krebs. Der Theorie gemäß müssten die Werte für die gesunden Personen in beiden Skalen besonders niedrig sein; wie dies hier ersichtlich nicht der Fall ist.


  • Koronare Herzerkrankungen standen mit mehreren Persönlichkeitsmerkmalen in Zusammenhang (darunter Emotionale Labilität; Zeitnot, Aggressivität und Leistungsmotivation; Verhaltenskontrolle; Psychotizismus); es bestanden hingegen keine Beziehungen zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Krebs.
  • Emotionale Labilität stand systematisch mit Mehrfacherkrankungen (Komorbidität) in Beziehung, d.h. Personen mit nicht nur einer, sondern zugleich mehreren Krankheiten waren emotional instabiler (siehe Abbildung 2).
Abbildung 2

Abbildung 2: Mittelwerte und Konfidenzintervalle (95%) für den Persönlichkeitsfaktor "Emotionale Labilität" getrennt für gesunde Probanden, 11 Gruppen mit je einer Krankheit sowie 8 Gruppen mit Mehrfach-Erkrankungen (Cluster 1-8). Cluster 1 enthält durchschnittlich 5 Krankheiten, die Cluster 2 bis 7 umfassen durchschnittlich zwischen 2,6 und 3,2 Krankheiten, Cluster 8 enthält durchschnittlich 2,2 Krankheiten. Kurzbeschreibung der Cluster: 1: Überwiegend Verdauungsstörungen, Magenbeschwerden sowie Herzkreislauferkrankungen 2: Vorrangig Gallen- und Magenbeschwerden 3: Herzkreislauferkrankungen (75%), kombiniert mit wechselnden anderen Krankheiten 4: Krebs- und Magenerkrankungen 5: Lungen- (100%) und Magen- (62%) Erkrankungen 6: Leber- (98%) und Magen- (64%) Erkrankungen 7: Schilddrüsen- (100%) und Magen- (59%) Erkrankungen 8: Magen- (80%) und Verdauungsbeschwerden (74%), häufig in Kombination mit Nieren- und Blasenbeschwerden (63%).


All diese und zahlreiche weitere Befunde waren nur solche von querschnittlicher Art, d.h. die psychologischen Merkmale wurden zeitgleich mit dem Gesundheits-/Krankheits-Status erhoben. Damit kann die Frage einer möglichen zeitlichen Abfolge zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Erkrankungen nicht geklärt werden: führt ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil zu bestimmten Erkrankungen oder wirken sich Erkrankungen auf Persönlichkeitsausprägungen aus? Aus diesem Grund bedurfte es einer sogenannten „längsschnittlichen Untersuchung“, was eine zweite Erhebung von Daten erforderte. Diesem Ziel diente das HeiDE-Projekt:

Das HeiDE-Projekt (2000-2003)

Durchschnittlich 8,5 Jahre nach der Erhebung der psychologischen Variablen im Rahmen der Baseline-Studie wurden die Teilnehmer der damaligen Erhebung erneut kontaktiert und um die Bearbeitung eines Fragebogens gebeten. Dieser fokussierte die in der Zeit seit 1992-1994 zusätzlich aufgetretenen Krankheiten, außerdem wurden die zwischenzeitlich eingetretenen besonderen Belastungen, Ernährungs- und Lebensgewohnheiten erfasst. 257 der früheren Teilnehmer waren inzwischen verstorben; an der erneuten Erhebung beteiligten sich schließlich 4.010 Personen. Neben dem Fragebogen erbaten wir von den Studienteilnehmern das Einverständnis zur Nacherhebung über weitere 20 Jahre. Zusätzlich baten wir um eine Mundspülung zur Gewinnung von DNA sowie um das Einverständnis zur Durchführung genetischer Analysen. Darauf basierend können die Determinanten und der Verlauf chronischer Erkrankungen umfassender erforscht werden.

Einige der zentralen Ergebnisse der ersten Nacherhebung waren die folgenden:

  • Emotionale Labilität, erhoben ca. 8,5 Jahre zuvor, war dasjenige psychologische Merkmal, das koronare Herzerkrankungen in signifikantem Ausmaß vorherzusagen erlaubte (d.h. dass es mit diesen in einer hypothetisch kausalen Beziehung stand).
  • Krebs war durch keines der psychologischen Merkmale vorhersagbar. Insofern bestätigten diese beiden Befunde die zuvor angestellten querschnittlichen Beobachtungen.
  • Eine mittlere (nicht eine extrem lange oder kurze) Schlafdauer von ca. 6-7 Stunden war der Gesundheit förderlich.
  • Die Entwicklung von Asthma wurde von einer Reihe psychologischer Merkmale vorhergesagt, wie z.B. Depressivität, mangelnde soziale Unterstützung, Arbeitsstress und einer „stressanfälligen Persönlichkeitsstruktur“ (= Neurotizismus).
  • In einer ersten Untersuchung konnte ein schwacher, aber statistisch bedeutsamer Zusammenhang eines bestimmten Gens mit Rauchen identifiziert werden.
An der Nacherhebung von HeiDE (2002-2003) war erstmals auch die Abteilung Genetische Epidemiologie in der Psychiatrie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim unter der Leitung von Frau Prof. Marcella Rietschel beteiligt. Diese Forschungsgruppe befasst sich mit der Untersuchung der biologischen und umweltbedingten Ursachen neuropsychiatrischer Erkrankungen, wie z.B. Depression, manisch-depressive Erkrankung, Angststörungen, Suchterkrankungen und Demenz. Durch die Einbeziehung der Abteilung Genetischer Epidemiologie in Mannheim kann in der HeiDE-Studie der Einfluss genetischer Risikovarianten für neuropsychiatrische Erkrankungen auf körperliche Erkrankungen untersucht werden. So zeigten sich im Rahmen der HeiDE-Studie weitere interessante Ergebnisse: es wurde ein Gen analysiert, welches das Risiko erhöht, an einer Depression, manisch-depressiven Erkrankung oder Schizophrenie zu erkranken. Die Ergebnisse zeigen, dass (gesunde) Menschen aus der Normalbevölkerung, welche die Risikovariante dieses Gens tragen, tatsächlich emotional instabiler sind als Nicht-Träger der Risikovariante. In der Baseline-Studie hatten diese angegeben, größere Probleme bei der Bewältigung der Anforderungen des Lebens zu haben; außerdem wurden sozialen Beziehungen (Familie, Freunde) als weniger unterstützend wahrgenommen. Dieselben Personen berichteten darüber hinaus bei der ersten Nacherhebung über mehr depressive Symptome.

Die Fortführung von HeiDe (2011-2013)

Etwa 10 Jahre nach der ersten Nacherhebung, also ca. 20 Jahre nach der Durchführung der Baseline-Studie, wurden alle Teilnehmer der HeiDE-Studie erneut kontaktiert und wieder nach den zwischenzeitlich aufgetretenen Krankheiten befragt. Außerdem erbaten wir noch einmal die Durchführung einer Mundspülung, weil es in der wissenschaftlichen Literatur Hinweise darauf gibt, dass sich die DNA im Laufe des Lebens verändert und damit vermutlich auch deren Beziehung zu psychologischen und medizinischen Variablen.
Da die Stichprobe der Teilnehmer noch einmal um ca. 10 Jahre älter geworden ist, kann damit gerechnet werden, dass der Einfluss psychologischer Merkmale auf den Gesundheits-/Krankheits-Status noch prägnanter in Erscheinung tritt.
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Seitenbearbeiter: HeiDE-Studiensekretariat