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Forschung > Netzwerk Psychologische Suchtforschung > Klein Michael (1996): Gewaltverhalten DHS 4/97 Klein Michael (1996): Gewaltverhalten DHS 4/97
Gewaltverhalten unter Alkoholeinfluß: Bestandsaufnahme, Zusammenhänge, Perspektiven.
(aus: DEUTSCHE HAUPTSTELLE GEGEN DIE SUCHTGEFAHREN (Hrsg.) 1996: Alkohol - Konsum und Mißbrauch, Alkoholismus - Therapie und Hilfe. Freiburg: Lambertus, S. 86 - 103. (= Schriftenreihe zum Problem der Suchtgefahren; 38).
Umfang des Problems
Jeden Tag geschehen in unserem Land mindestens drei Tötungsdelikte, bei denen der Tatverdächtige unter Alkoholeinfluß steht. Etwa alle 25 Minuten wird eine schwere oder gefährliche Körperverletzung begangen, bei der auf Seiten des Täters ebenfalls eine Alkoholintoxikation vorliegt. Häufig sind die Opfer aus dem allerengsten Umfeld, besonders Frauen und Kinder, bisweilen auch Mittrinker im Umfeld von Kneipen, Gastwirtschaften, Bierzelten, Discos usw.
Für die Wissenschaft gilt der enge räumliche und zeitliche Zusammenhang zwischen Alkoholtrinken, insbesondere Alkoholintoxikation, und übermäßig aggressivem Verhalten als hinlänglich bewiesen (BUSHMAN & COOPER 1990; MOSS & TARTER 1993). Von allen psychoaktiven Drogen ist Alkohol am häufigsten mit Gewalt assoziiert (MILLER & POTTER-EFRON 1989), wohl allein schon aufgrund der großen Verbreitung und des Alltagskonsums durch viele Menschen. Weitgehend offen ist bis jetzt jedoch die Frage geblieben, ob Alkoholtrinken nur ein Begleitumstand von Gewaltverhalten oder eine Hauptursache darstellt (MOSS & TARTER 1993). Ebenfalls ungeklärt und von immenser politischer Bedeutung ist die Frage, wie viele der bislang unter Alkoholeinfluß zu konstatierenden Gewaltverbrechen mit geringeren Alkoholkonsumraten zu verzeichnen wären, wie stark also die Gewaltkriminalität auf diesem Wege einzudämmen wäre. Die Mehrzahl der modernen Menschen scheint das Auftreten von Gewalttaten unter Alkoholeinfluß stillschweigend zu tolerieren, bisweilen kaum zur Kenntnis zu nehmen oder als unveränderbare Realität resignierend zu akzeptieren. Abgesehen von dem oft unermeßlichen menschlichen Leid, das für die Opfer von Gewalttaten (insbesondere Frauen und Kinder) entsteht, dürfte allein der volkswirtschaftliche Schaden, der durch alkoholinduzierte Gewalttaten verursacht wird, einen derartig immensen Betrag ausmachen, daß präventive und korrektive Maßnahmen unerläßlich sind und außerdem rentabel wären. Rechnet man die Unfälle im Straßenverkehr unter Alkoholeinfluß zu dem Teil noch hinzu, zu dem sie durch aggressives Fahren ausgelöst wurden, erscheint Ausmaß der Problematik noch gravierender.
Globale Zusammenhänge
Der Einfluß des Alkohols auf das Gewaltverhalten einzelner Menschen kann vereinfachend als risikohaft auslösender und erleichternder (damit auf jeden Fall begünstigender) Faktor angesehen werden, keinesfalls jedoch als alleinige Ursache. Alkohol als solcher kann natürlich nicht Gewaltverhalten auslösen, sondern wird über die Vermittlung mit den entsprechenden biochemischen, neuropsychologischen und kognitiven Verarbeitungsmechanismen im Gehirn des Menschen zu einem potenten Risikofaktor für Gewaltverhaltensweisen. Im einzelnen sind folgende Konsequenzen und Wechselwirkungen zu unterscheiden:
1. Alkoholtrinken als "Trigger" für Gewaltverhalten. Bei dieser wohl häufigsten Form des Zusammenhangs werden Suchtmittel als Katalysatoren, Erleichterer, Beschleuniger oder Auslöser ("trigger") von Gewaltakten angesehen, wobei anzumerken ist, daß der Auslöser meist nicht identisch mit der Ursache eines Verhaltens sein wird. Diese Auslösung geschieht am ehesten, wenn die Rauschmittel lösgelöst von kulturell überlieferten Ritualen in mißbräuchlicher Art konsumiert werden. Viele der heutzutage weit verbreiteten Alkoholkonsumstile (z.B. in jugendlichen Peer-Gruppen, bei Kneipen- und Diskobesuchen) zielen auf die stimmungs- und verhaltensverändernde Wirkung des Alkohols und begünstigen aggressive Verhaltensweisen, z.B. aufgrund der schnell eintretenden Intoxikation oder der mit dem Trinken bei den Gruppenmitgliedern verbundenen Erwartungen. Bisweilen ergibt sich dadurch eine Aggressionseskalation, die so ohne Suchtmittel unmöglich oder zumindest unwahrscheinlicher wäre. Es bleibt jedoch zu bedenken, daß Alkoholtrinken multiple Funktionen und Konsequenzen für Menschen besitzt und nur in einer Minderzahl aller relevanten Situationen zu Gewaltexzessen führt. Daher sind weitere Determinanten für das Zusammenspiel zwischen Alkoholtrinken und Gewaltverhalten zu berücksichtigen. sind.
2. Sucht infolge chronischer Gewalterfahrungen. Weiterhin können Sucht und Abhängigkeit die Folgen chronischer Gewalterfahrungen im Sinne der Opferposition, also der Viktimisierung, sein. Alkohol dient hier eher der Beruhigung, Angstunterdrückung und Steigerung bzw. Verlängerung der Leidensfähigkeit.
3. Gewalthandlungen nach chronischem Alkoholmißbrauch. Ferner können Gewalthandlungen auch die Folgen von chronischem Suchtmittelmißbrauch sein, etwa im Sinne von Persönlichkeitsveränderungen, moralisch-ethischem Verfall, kriminellen Fehlentwicklungen oder aufgrund der Haltung, daß aggressives Verhalten unter Alkoholeinfluß leichter zu entschuldigen ist ("Exkulpierung").
4. Süchtige Eigendynamik gewalttätigen Verhaltens. Schließlich ist anzumerken, daß Gewaltverhalten selbst, insbesondere als exzessives Verhalten, einen rauschartigen Effekt im Gehirn nach sich ziehen kann. Diese durch Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter ausgelösten Effekte im Rahmen des sogenannten Selbstbelohnungssystems des Gehirns sind auch von anderen exzessiven Verhaltensweisen bekannt. In der Kombination mit Drogen und Rauschmitteln kann dieses rauschhafte Erleben möglicherweise noch gesteigert bzw. einfacher und schneller herbeigeführt werden.
Um die komplexen Zusammenhänge zwischen den beiden Bereichen Alkoholtrinken und Gewaltverhalten umfassend zu verstehen, ist die Berücksichtigung phramakologischer, endokrinologischer, neurobiologischer, genetischer, ethnologischer, situativer, kognitionspsychologischer, ökologischer, soziologischer und kultureller Determinanten erforderlich (vgl. REISS & ROTH 1993). Zur Erklärung der Entstehung gewalttätigen Verhaltens bietet sich das "ätiologische Dreieck", bestehend aus den Faktoren Person, Umwelt und Droge, an. In je unterschiedlicher Gewichtung können die drei Faktoren zum Auftreten bzw. Nichtauftreten von Gewaltverhalten führen.
Gewalt und Gewaltverhalten
Der Gewaltbegriff wurde in der öffentlichen Diskussion der vergangenen Jahre zunehmend ausgeweitet, was einerseits den Blick für bislang vernachlässigte Phänomene schärfte, andererseits aber auch mit mehr Unklarheit und Mehrdeutigkeit einherging. Beispielsweise benennt KLOSINSKI (1994) als Formen zu berücksichtigender seelischer Gewalt Isolation und Ausschluß, Bedrohung und Beschämung sowie Erpressung und Korruption. Wichtig erscheint auch, Gewaltbereitschaft von Gewaltverhalten abzugrenzen. Obwohl beide in engem Zusammenhang stehen, muß es durchaus trotz vorhandener Gewaltbereitschaft nicht zu Gewaltverhalten kommen, etwa wenn die Auslösereize fehlen, zu schwach sind oder unterschiedlich bewertet werden. Möglicherweise spielt Alkohol für die Bahnung des Verhaltens von Gewaltbereitschaft zu Gewaltakten in vielen Fällen eine wichtige Rolle, insbesondere wenn es sich um spontanes, impulsives und wenig geplantes Verhalten handelt. Selbst der rein physische Gewaltbegriff ist schwierig zu definieren und konfundiert oft mit unklaren Vorstellungen über Aggression (vgl. MOSS & TARTER 1993). Zur besseren begrifflichen Klarheit werden im folgenden einige forschungsleitende Definitionen vorgestellt:
HURRELMANN & PALENTIEN (1995, 15) konzentrieren sich auf die Gewalt als körperliche Aggression, "bei der ein Mensch einem anderen Menschen Schaden mittels physischer Stärke zufügt". Wichtig ist dabei die Absicht oder zumindest die Inkaufnahme seitens des Täters, daß dem Opfer ein körperlicher, seelischer und sozialer Schaden entstehen kann. RAUCHFLEISCH (1992, 11) sieht "Gewalt als eine Teilmenge, als eine spezifische Form der Aggression" an, bei der die grundsätzlich denkbaren positiven Funktionen von Aggressionen (z.B. angemessene Selbstbehauptung, Revierverteidigung, Notwehr) ausgeschaltet sind. Vielmehr wird Gewalt als eine spezifische Form der Aggression angesehen, "welche die Schädigung eines Objekts oder einer Person zum Ziel hat" (RAUCHFLEISCH 1992, 36). Daß Gewaltakte andererseits oft mit Ohnmachtsgefühlen und Risikoverhalten zu tun haben, machen ENGEL & HURRELMANN (1993, 31) deutlich, wenn sie davon sprechen, daß Gewalt "immer ein interaktives Produkt, das in sozialen Prozessen entsteht und am Ende von Kommunikationsschwierigkeiten und Konflikten stehen kann."
Unter einer sozialpsychologischen Perspektive, die auch auf die Rolle von Randgruppen und Subkulturen fokussiert, kann zusätzlich zwischen personaler Gewalt als beabsichtigter physischer und/oder psychischer Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person und struktureller Gewalt als die systematische Benachteiligung, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit in Gesellschaften unterschieden werden. Diese verschiedenen Gewaltformen, die auch als heiße und kalte Gewalt bezeichnet werden, gilt es bei der folgenden Analyse des suchtbedingten Kontextes von Gewalt nicht aus den Augen zu verlieren.
Der soziale Nahbereich als Risikoumwelt
Gewalterfahrungen sind für Personen im Umkreis des Konsums und Mißbrauchs von psychoaktiven Drogen ein durchaus in Betracht zu ziehendes Risiko. Die Familie ist für Frauen und Kinder im Verhältnis zu der Zahl der erlittenen Gewaltakte der gefährlichste Lebensort. Vermutlich nur ein Bruchteil der dort unter Alkohol- und Drogeneinfluß begangenen Gewalttaten wird bekannt.
Bestimmte Substanzen sind besonders häufig mit Gewaltverhalten assoziiert. MILLER & POTTER-EFRON (1989) nennen in diesem Zusammenhang insbesondere Alkohol, Phencyclidin (PCP), Sedativa (insbes. Barbiturate), Amphetamine und Kokain. Der vorliegende Beitrag beschränkt sich auf den schon recht komplexen Bereich des Gewaltverhaltens unter Alkoholeinfluß, speziell in Kontexten von Alkoholintoxikation und -entzug sowie Alkoholmißbrauch und -abhängigkeit.
Alkohol und Gewalt in Kriminalstatistiken
Auch wenn nur wenige Alkoholintoxikationen zu gewalttätigen Verhaltensweisen führen, besteht in den Fällen, in denen es zu schweren Formen von Gewalttätigkeiten unter Alkohol kommt, auch die Gefahr einer engen Verbindung zur Kriminalität. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Alkoholiker wegen eines schwerwiegenden Verbrechens verurteilt wird, ist dreimal höher als daß dies einem Nicht-Alkoholiker passiert (Mc CORD 1995). COLLINS (1982) berichtet zusammenfassend, daß mehrere umfangreiche Untersuchungen zu Tötungsdelikten Alkoholisierungsquoten der Täter von um oder über 50% ergeben haben. Es zeigte sich auch, daß bei 88% der Tatverdächtigen von Messerstechereien (Mc CORD 1995) eine Blutalkoholkonzentration (BAK) von mehr als 0.1% nachzuweisen war. Auffällig bei zahlreichen Studien war außerdem, daß in vielen Fällen auch die Opfer intoxikiert waren. Die erfahrene amerikanische Gewaltforscherin Joan Mc CORD (1995) weist daraufhin, daß Verbrechen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit dort passieren, wo potentielle Opfer trinken bzw. intoxikiert sind.
Die mögliche Verbindung zwischen Alkoholrausch und Gewaltkriminalität besteht generell eher in der Richtung, daß bei Gewalthandlungen eine Alkoholisierung wahrscheinlich ist, als daß bei einer Alkoholintoxikation ohne weiteres eine Gewalttat naheliegend ist.
Aus deutschen Kriminalstatistiken ist zu entnehmen, daß die Alkoholisierungsquote der Tatverdächtigen unter allen Deliktgruppen für Gewaltkriminalität am höchsten ist (1993: 26.8%). Dabei liegt ein Alkoholeinfluß vor, "wenn dadurch die Urteilskraft während der Tatausführung beeinträchtigt war. Maßgeblich ist ein offensichtlicher oder nach den Ermittlungen wahrscheinlicher Alkoholeinfluß" (BUNDESKRIMINALAMT 1994, 116). Innerhalb der gewaltkriminellen Delikte ergibt sich mit der Schwere der Tat im wesentlichen auch eine Zunahme der Alkoholisierungsquote: Während 1993 30.1 % der Tatverdächtigen für gefährliche und schwere Körperverletzung unter Alkoholeinfluß standen, waren es bei Totschlagsdelikten 42.4% und bei Sexualmorden sogar 52.9%. Einzig die Tötungsdelikte, die eine Planung und im Einzelfall auch eine gewisse Impulskontrolle voraussetzen (z.B. Raubmorde) weisen mit 29.9% eine deutlich erniedrigte Alkoholisierungsquote auf. Es ist naheliegend, bei diesen Tatzusammenhängen gerade auf die potentiell affektauslösende und die Impulskontrolle störende Wirkung des Alkohols zu verweisen. Selbstberichtete Alkoholintoxikationen können natürlich auch den Versuch einer Exkulpierung für begangene Fehlverhaltensweisen darstellen. Insofern dürften hier - wenn kein andersartiger Nachweis geführt werden kann - auch Schutzbehauptungen aus Angst vor Bestrafung oder sozialer Verurteilung eine Rolle spielen.
____________________________ hier bitte Abb. 1 einfügen ! ____________________________
Wie aus Abbildung 1 zu entnehmen ist, sind die absoluten Zahlen für Gewaltdelikte unter Alkoholeinfluß seit vielen Jahren nahezu konstant. Jährlich geschehen ca. 800 Totschlagsdelikte und 20.000 schwere Körperverletzungen unter Alkoholeinfluß.
_____________________________ hier bitte Abb. 2 einfügen ! _____________________________
Die in Abbildung 2 dargestellten prozentualen Anteile spiegeln für beide Fragestellungen einen kontinuierlichen leichten Rückgang wider. Dieser wird jedoch eher durch eine Zunahme der Gesamtzahl der betreffenden Delikte, soweit sie nicht unter Alkoholeinfluß begangen wurden, verursacht als - wie Abb. 1 zeigt - durch einen Rückgang der absoluten Fallzahlen für die Taten unter Alkoholeinfluß.
Theorien und aktuelle Forschungsergebnisse
Unter den theoretischen Modellen zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen Alkohol und Gewalt dominierte lange Zeit die Disinhibitionstheorie, derzufolge die Wirkung des Alkohols auf das Gehirn eine Hemmung vieler Funktionen, so z.B. auch der Angst und der Unsicherheit, erzeuge. Über den Weg der "Hemmung der Hemmung" werde auch aggressives (oft zunächst nur verbales) und gewalttätiges Verhalten gebahnt. Es bleibt dabei jedoch offen, warum in manchen Situationen Gewaltverhalten gezeigt wird, während in anderen genau dies nicht geschieht oder sogar mit Rückzug reagiert wird. Daher betonen neuere Theorien die Wichtigkeit der zusätzlichen Berücksichtigung differentieller Faktoren, wie z.B. der konsumierten Alkoholmenge und -art, der neuropsychologischen Effekte des Alkohols, der sozial-kognitiven Erwartungen an die Alkoholwirkungen, zugrundeliegender oder coinzidentieller Persönlichkeitsfaktoren und Dispositionen sowie der jeweiligen Situations- und Kontextbedingungen.
Im einzelnen liegen dazu folgende relevante Ergebnisse vor:
(a) Die konsumierte Alkoholmenge scheint nur innerhalb eines bestimmten "Korridors" von Blutalkoholkonzentrationen (BAK) im Sinne einer kurvilinearen Funktion die Gewaltbereitschaft zu steigern. Sehr niedrige und sehr hohe BAKs legen eine niedrige, teilweise sogar erniedrigte Gewaltbereitschaft nahe, während mittlere Werte (geschätzt von 0.1% bis ca. 0.25% BAK) das Risiko für Gewaltverhalten steigern können. Innerhalb des Wirkungskorridors erzeugen höhere Dosen Alkohol aggressiveres Verhalten als niedrigere Dosen (BUSMAN & COOPER 1990).
(b) Bei den Arten von konsumierten Alkoholika ergaben sich bei einer Stichprobe männlicher Trinker für destillierte Getränke höhere Werte für aggressives Verhalten als für einfach vergorene Getränke wie Bier und Wein (MOSS & TARTER 1993). Innerhalb der hochprozentigen Alkoholika zeigten Wodkatrinker eine stärkere Gewaltbereitschaft als Whiskytrinker trotz gleichen Alkoholgehalts im Blut (BUSHMAN & COOPER 1990; MOSS & TARTER 1993).
(c) Zu den neuropsychologischen Effekten zählen neben der globalen Hemmungswirkung auf neuronale Prozesse insbesondere die Beeinträchtigung des Beurteilungs- und Wahrnehmungsvermögens, das Nachlassen der Aufmerksamkeit mit entsprechenden Gegensteuerungsreaktionen, die verstärkte Auslösung negativer Affekte (LEONARD & JACOB 1988), die Induktion von Unruhe und Irritierbarkeit, vermehrte Schlafdeprivation (insbesondere bzgl. der REM-Phasen) und gestörte Denkabläufe (bis hin zu paranoiden Mustern) sowie das Auftauchen von Gedächtnislücken (MILLER & POTTER-EFRON 1989). Aggressive Handlungen sind bei ansteigender Blutalkoholkonzentration wahrscheinlicher sind als bei absteigender (BUSHMAN & COOPER 1990; REISS & ROTH 1993). Die Ursache hierfür liegt vermutlich darin, daß in dieser Phase die stimulierenden und euphorisierenden Effekte des Alkohols am stärksten sind. Im Alkoholentzug sind derartige Verhaltensweisen seltener, auch wenn es im Entzugsdelir zu unberechenbaren Handlungen kommen kann.
(d) Zu den psychologischen Risiken, die eine vermittelnde Rolle zwischen Alkoholtrinken und Gewaltverhalten bedeuten können, zählen vor allem die Erwartung an die aggressionsfördernde Wirkung und angstvermindernde Wirkung des Alkohols sowie eine Zunahme der Euphorie und des unrealistischen Denkens. Da Alkohol auch allgemein als Ursache für Aggressionen angesehen wird, kann nicht ausgeschlossen werden, daß diese Erwartung das Auftreten von realen Gewaltakten begünstigt und darüber hinaus dem Individuum eine Selbstentlastungsmöglichkeit für das gezeigte Verhalten durch die Attribution auf die externe "Gewaltquelle Alkohol" (vgl. LEONARD & JACOB 1988) liefert. Alkohol hat dabei kognitiv manipulierende Wirkungen. So zeigten motivationspsychologischen Studien, daß Männer an das Alkoholtrinken die Erwartung einer Steigerung des Machtgefühls und eines Nachlassens von Ohnmachtsgefühlen hatten. Machtgefühle, insbesondere unrealistische Allmachtsphantasien, wiederum können durchaus die Hemmschwelle für aggressive und gewalttätige Verhaltensweisen absenken.
(e) Bei den coinzidientiellen Persönlichkeitsfaktoren handelt es sich vor allem um antisoziale, aber auch aggressive, hyperaktive und impulsive Störungen. Von allen comorbiden Störungen ist die antisoziale Persönlichkeitsstörung am häufigsten mit Substanzmißbrauch kombiniert (MOSS & TARTER 1993). Zahlreiche Studien deuten darauf hin, daß stark aggressives Verhalten in der Kindheit ein Risikofaktor für Alkoholmißbrauch und gewalttätiges Verhalten im jungen Erwachsenenalter sein kann (REISS & ROTH 1993). Auch Personen mit narzißtischen Persönlichkeitsstörungen scheinen unter Alkoholeinfluß eher zu Gewalt zu neigen als andere Personen unter Alkoholeinfluß. Eine bereits seit langer Zeit vorhandene Gewaltbereitschaft oder aggressiv gefärbte Einstellungen und Werthaltungen können auf der Basis bestimmter Persönlichkeitstypen unter Alkoholeinfluß in gefährlich gewalttätiges Verhalten umgesetzt werden.
(f) Zu den situativen Bedingungen zählen insbesondere solche, die aufgrund erhöhter Alkoholintoxikation einzelner Personen ein erhöhtes Risiko für Gewaltverhalten in sich bergen. Als besonders gefährlich haben sich solche Situationen erwiesen, in denen Provokationen stattfanden bzw. Personen ein Verhalten zeigten, das als provokativ empfunden wurde. Höhere Alkoholdosen gehen mit einem stärker aggressiven Reagieren auf Provokationen einher (MOSS & TARTER 1993). Auf der anderen Seite scheint Alkoholtrinken nicht zu verstärktem provokativem Verhalten zu führen. Die aggressiven Reaktionen alkoholintoxikierter Personen sind jedoch auch in starkem Maße von den antizipierten Folgen eines derartigen Verhaltens abhängig, da eine drohende Vergeltung durch einen aggressiven Bedroher eigenes aggressives Verhalten unwahrscheinlicher macht. So berichten BUSHMAN & COOPER (1990), daß sowohl Männer als auch Frauen sich Frauen gegenüber aggressiver verhielten als Männern gegenüber. Offensichtlich wurden Frauen als weniger bedrohlich hinsichtlich ihres Vergeltungsverhaltens wahrgenommen. Neuere Studien weisen auch daraufhin, daß Frauen, die alkoholabhängig sind, einem größeren Risiko unterliegen, Gewaltopfer zu werden als andere Frauen. Leider liegen zu differentiellen geschlechtsspezifischen Zusammenhängen wenige brauchbare empirische Untersuchungen vor. Meistens konzentrieren sich die vorliegenden Studien ganz oder fast ganz auf männliche Trinker. O¥FARRELL & MURPHY (1995) konnten jedoch neuerdings in einer Studie unter Beteiligung 88 amerikanischer Paare zeigen, daß in Partnerschaften mit einem alkoholabhängigen männlichen Partner sich das Ausmaß des gewalttätigen Verhaltens zwischen den Partnern beiderlei Geschlechts nicht deutlich unterschied, während der Unterschied des gewalttätigen Verhaltens im Verhältnis zur Normalbevölkerung für Männer und Frauen jeweils deutlich erhöht war. Aufgrund des Wandels der Geschlechtsrollenstereotypen sind hier deutliche Veränderungen der jetzigen Täter - Opfer - Beziehungen auch in westeuropäischen Gesellschaften in Zukunft zu erwarten. Sogar üblicherweise wenig betrachtete situative Variablen wie die Temperatur der Umgebung scheinen einen Einfluß auf die alkoholassoziierte Gewalt zu haben; entsprechende Verhaltensweisen steigen in ihrer Frequenz ab einer Temperatur von knapp über 30 Grad Celsius sprunghaft an.
An Abenden und Wochenenden erreichen Gewalttaten unter Alkoholeinfluß jeweils ihre Höhepunkte. "Homicides related to alcohol ... occur mostly on evenings an weekends" (BRADFORD et al. 1992, 616). Auch unterschiedliche Verteilungen in Abhängigkeit von Trinkorten und Stadtteilen ("risk areas") sind bekannt (REISS & ROTH 1993).
Sucht- als Gewalt- und Gewalt- als Suchtprävention
Alkoholinduzierte Gewalt ist sowohl Gegenstand der Gewalt- als auch der Suchtprävention. Obwohl Gewaltverhalten nicht eindeutig kausal mit Alkoholabhängigkeit zusammenhängt, ist die Wahrscheinlichkeit gewalttätiger Verhaltensweisen bei Alkoholabhängigen besonders hoch, weil bei diesen mehr und häufiger Intoxikationszustände auftreten, die insbesondere bei aszendierendem Blutalkoholspiegel die Wahrscheinlichkeit gewalttätiger Verhaltensweisen begünstigen.
In der Suchtprävention wird zwischen personen- und systemzentrierten, kommunikativen und strukturellen sowie zwischen substanzbezogenen und gesundheitsfördernden Maßnahmen unterschieden. Bei all diesen Ansätzen sind die gewaltpräventiven Aspekte der Suchtprävention mitzubedenken. Ähnlich verhält es sich mit den gewaltpräventiven Maßnahmen, die wiederum Chancen der Suchtprävention beinhalten. So können z.B. die Verringerung des durchschnittlichen Alkoholgehalts aller verkauften Alkoholika, die Verteuerung des Verkaufs alkoholhaltiger Getränke bei öffentlichen Veranstaltungen, das frühzeitige Verhaltenstraining bei hyperaggressiven Kindern, die bessere ökopsychologische Gestaltung bestimmter Risikogegenden durchaus sinnvolle Einzelmaßnahmen sein. Sie sollten jedoch im Gesamtzusammenhang eines notwendigen größeren sucht- und gewaltpräventiven Rahmen- und Aktionsplans gesehen werden, wie er inzwischen (nach Vorlage des Abschlußberichts der Gewaltkommission der Bundesregierung und Verabschiedung des nationalen Rauschgiftbekämpfungsplans) dringend erforderlich scheint.
Ausblick
Die wissenschaftlichen Aussagen zum Themenkomplex sind eher schwierig und komplex. Zwar wird der enge und häufig empirisch bestätigte Zusammenhang zwischen übermäßigem Alkoholtrinken und Gewaltverhalten allgemein als gesichert angenommen (REISS & ROTH 1993), doch zeigen sich bei differenzierteren Fragestellungen, z.B. nach der Identifikation von Ursachen und Folgen, Funktionen des Alkohols für Gewaltverhalten, Situationskonstanz vs. -variabilität erhebliche theoretische und praktische Probleme, die eine genauere Erforschung der zugrundeliegenden Phänomene erforderlich machen. So ist z.B. wenig bekannt über die Unterformen gewalttätigen Verhaltens in ihrem Zusammenhang mit Alkoholintoxikation und die Varianz individueller Reaktionen auf vergleichbare Intoxikationen und Stimuli ("scattering").
Interessanterweise wurde bislang auch die Frage, inwieweit Menschen, nachdem sie Gewalttaten begangen oder erlitten haben, Alkoholmißbrauch betreiben, kaum berücksichtigt, und zwar unabhängig davon, ob sie zum Zeitpunkt des Gewaltdelikts intoxikiert waren oder nicht. Auch die Tatsache, daß Alkohol von Personen, die unter hohen Spannungen und einer geringen Frustrationstoleranz leiden, erfolgreich als Beruhigungsmittel eingesetzt wird (KAPLAN & DAMPHOUSE 1995), hat in der Forschung bislang wenig Interesse gefunden. Insgesamt verspricht die stärkere Berücksichtigung von Subgruppen bei der Betrachtung alkoholbedingter Gewalt klarere und eindeutigere Ergebnisse. Um die Effektivität von Suchttherapien zu verbessern, scheint die Integration des Themas Gewalt in entsprechende Therapiekonzepte unerläßlich. Während schon seit Jahren die Rolle der Opfer von Gewalttaten (z.B. im Bereich des sexuellen Mißbrauchs bzw. der sexuellen Mißhandlung) zu Recht thematisiert wird, stellt die Perspektive des Gewalttäters ein anscheinend viel größeres Tabu dar. Wie die praktische "Pionierarbeit" an einigen Orten (siehe z.B. VOGELGESANG et al. 1995) zeigt, ist in der therapeutischen Arbeit mit diesen Menschen ein hohes Ausmaß an Einfühlungsvermögen und Empathie nötig, damit diese sich öffnen und selbstkonfrontieren können. Eine rein anklagende oder moralisierende Haltung diesen Personen gegenüber stabilisiert ihre Verschlossenheit und die Exklusivität des Tabus "über eigene Gewalt spricht man nicht".
Auch auf Gefahren, die das Aufzeigen der Zusammenhänge zwischen Alkohol und Gewalt in sich birgt, ist abschließend hinzuweisen. Insbesondere sollte auf eine frühzeitige Stigmatisierung von Gewalttätern als unverbesserliche Kriminelle verzichtet werden. Auch die Erwartung bzw. der Glaube, daß Alkoholtrinken - insbesondere bei Männern - die Aggressivität erhöhen müsse, kann als soziales Stereotyp die Bahnung von Gewaltbereitschaft zu Gewalttätigkeit begünstigen.
Daß das mit dem Alkoholtrinken verbundene Risiko keine rein neuzeitliche Erscheinung ist, soll abschließend mit den Worten des griechischen Philosophen Epiktet (zit. nach SCHNEIDER 1988, 16) bewiesen werden, der bereits vor knapp 1900 Jahren schrieb: "Der Weinstock trägt drei Trauben: Die erste bringt die Sinneslust, die zweite den Rausch, die dritte das Verbrechen."
Literatur
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Korrespondenzanschrift: Prof. Dr. Michael Klein Katholische Fachhochschule Nordrhein - Westfalen Wörthstraße 10 50668 Köln
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