Determinanten Lokaler-Agenda-21-Prozesse – (Selbst-) Regulation, Einstellungsveränderung und Performanzentwicklung auf individueller und gesellschaftlicher Ebene

main_pic

Willkommen beim Forschungsprojekt


1. Ausgangssituation

Die ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen führen täglich vor Augen die Notwendigkeit nach einem umfassenden gesellschaftlichen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit. Doch die Veränderungen kommen nicht schnell genug voran und werden teilweise noch nicht in der Breite umgesetzt. Deswegen beschäftigen sich Forscher und Institutionen auf verschiedenen politischen Ebenen mit der Frage nach dem „Wie“, also den Prozessen und zentralen Erfolgsfaktoren für gesellschaftlichen Wandel.
Seit der UNO Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 ist insbesondere die kommunale Ebene aufgrund der Nähe zu verschiedenen Bevölkerungsgruppen und der Expertise in lokalen Prozessen gefragt, im Rahmen der sogenannten Lokalen Agenda 21, vor Ort den gesellschaftlichen Wandel einzuleiten und verschiedene Akteursgruppen in die kommunale Nachhaltigkeitsprozesse einzubeziehen. Dieser wechselseitige Interaktions- und Beeinflussungsprozess innerhalb einer Kommune schließt Individuen und zivilgesellschaftliche Gruppen, politische Führung, Verwaltung sowie Unternehmen und Wissenschaft gleichermaßen ein.


2. Forschungsziele

In unserem Forschungsprojekt wird in vier Großkommunen (über 100.000 Einwohner) aus Baden-Württemberg (Mannheim, Stuttgart, Pforzheim, Heidelberg) vergleichend analysiert, welche Einflussfaktoren, Prozesse und Mechanismen zu einem erfolgreichen kommunalen Veränderungsprozess in Richtung Nachhaltigkeit beitragen und Einstellung, Emotionen und Verhalten der Akteure beeinflussen. Der interdisziplinäre Forschungszugang aus politikwissenschaftlichen und arbeits- und organisationspsychologischen Ansätzen soll die ebenen- und akteursübergreifenden Erkenntnisse zur Gestaltung und Umsetzung der kommunalen Nachhaltigkeit liefern.

Dazu werden Regulations- und Selbstregulationsmechanismen auf politisch-institutioneller, gesellschaftlicher und individueller Ebene in den Kommunen evaluiert. Zum einen wird der Einfluss politisch-administrativer Steuerungseingriffe (Government von oben, „Top-down“) auf die zivilgesellschaftlichen Nachhaltigkeitsakteure untersucht. Zum anderen werden (Rückkopplungs-) Effekte von zivilgesellschaftlichen Veränderungs- und Interaktionsprozessen (Governance von unten, „Bottom-up“) auf die Nachhaltigkeitsperformanz einer Kommune systematisch beleuchtet. (vgl. Abb. 2)

Wie die Interaktions- und Wirkungsmechanismen in diesen vier Kommunen ablaufen, wollen wir mit einem „Most-Similar-Systems“-Vergleichsdesign untersuchen. Die Kommunen unterscheiden sich zwar in ihren Rahmenbedingungen wie bspw. Einwohnerzahl, Bevölkerungsstruktur, Wirtschaftskraft und -struktur oder Verwaltungsorganisation. In jeder dieser Kommunen gab es einen Lokale-Agenda-21-Beschluss, begleitet von einem koordinierten Prozess. Die „LA21“-Prozesse sind in letzten Jahren auf unterschiedliche Art und Weise weiterentwickelt oder in die neuen Stadtentwicklungs- und Nachhaltigkeitsprozesse überführt worden.
In dem Zusammenhang ist für uns auch die zeitliche Dimension der Veränderung interessant. Ein weiteres Ziel ist daher auch Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Determinanten von „LA21“-Prozessen und den aktuellen kommunalen Stadtentwicklungsprozessen zu erfassen.

Der systematische Vergleich baut auf den explorativen Ergebnissen aus einer Einzelfalluntersuchung in Heidelberg (2013) auf.

main_pic
Abb. 2 Wechselseitige Interaktionsbeziehungen zwischen den Akteuren der Lokalen-Agenda-21


3. Methodisches Vorgehen

Neben einer umfangreichen Dokumenten- und Sekundärliteraturanalyse sollen in den qualitativen und quantitativen Erhebungsphasen Daten generiert und danach ausgewertet werden.

Im Rahmen der qualitativen Befragung wurden die folgenden für den jeweiligen kommunalen Nachhaltigkeitsprozess relevanten Akteursgruppen in vier Kommunen ausgewählt und befragt:

  • Politische Führung: Bürgermeister und Fraktionsvorsitzenden
  • Zuständige administrative Stellen: Nachhaltigkeitsbüro, Umweltamt, Bürgerbeteiligungsstelle, Stadtentwicklungsamt etc.
  • Verbände, Initiativen und aktive Gruppen der lokalen Nachhaltigkeit
  • Vertreter der lokalen Wirtschaft
Die qualitative Auswertung der Interviews erfolgt gemäß der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring (2010), unterstützt durch das Programm MAXQDA. Die Auswertung erfolgt in mehreren Schritten der Materialverdichtung und thematischer Bündelung. In einem letzten Schritt werden aus dem verdichteten Material deduktiv Kategorien abgeleitet. Das bereits im Rahmen der Heidelberger Pilotstudie erarbeitetes Kategoriensystem wird im Rahmen der vergleichenden Analyse ausgebaut. Die erhobenen Daten werden dann theoriegeleitet interpretiert.

In Erweiterung der qualitativen Befragungen werden darüber hinaus einzelne Akteure der in die kommunalen Nachhaltigkeitsprozesse involvierten Non-Profit Organisationen im Rahmen eines quantitativen Untersuchungsansatzes befragt. Dabei sollen die förderlichen und hinderlichen Bedingungen für die Veränderungsvorhaben zwischen den verschiedenen Akteursebenen herausgearbeitet sowie das Verständnis für Wirkmechanismen und Rahmenbedingungen eruiert werden. Aufbauend auf den Befragungsergebnissen sollen Maßnahmen zur Verbesserung der Steuerung der lokalen Nachhaltigkeitsprozesse abgeleitet werden.
Mit der quantitativen Erhebung sollen zusätzlich insgesamt fünf Dimensionen zur Ermittlung von Mechanismen und kausalen Zusammenhängen erfasst werden:
  • Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen
  • Gestaltungsmerkmale der Veränderungen
  • Merkmale und Reaktionen der Individuen
Die Daten werden durch varianzanalytische Verfahren und Strukturgleichungsanalysen ausgewertet. Da Daten auch auf Gruppenebene erfasst werden, handelt es sich um ein Multi-Level-Design. Die Auswertung erfolgt mit Multilevel Modelling Tests (Raudenbush, & Bryk, 2006).


4. Aktuelle Projektphase

Qualitativ: Derzeit werden die erhobenen Daten aufbereitet und ausgewertet.
Quantitativ: Erstellung von Fragebögen durch Masterstudierende


5. Projektleitung

PD Dr. Alexandra Michel
Jun.-Prof. Dr. Stefan Wurster


6. Projektbearbeitung

Irina Krivoruk, M.A.


7. Studentische Projektmitarbeiter

Christoph Zacher
Marieke Born


8. Förderung

Research Council vom Field of Focus 4 der Exzellenzinitiative der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg


9. Laufzeit

11/2014 - 08/2016

Verantwortlich: E-Mail
zum Seitenanfang/up